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Zuletzt aktualisiert: 27.07.2012 um 20:30 UhrKommentare

Suche nach dem Glückshormon

Teil zwei des monumentalen Unterfangens von Karl Ove Knausgard: In "Lieben" zeigt er sich weitaus weniger düster als beim Erstling.

Der 44-jährige norwegische Autor Karl Ove Knausgard hat in kurzer Zeit ein insgesamt sechs Bände und rund 3000 Seiten umfassendes radikal-autobiografisches Werk vorgelegt, das inzwischen in 14 Sprachen übersetzt wurde. Nach dem Auftaktband "Sterben", in dem er das Dahinsiechen seines alkoholkranken Vaters beschrieben hat, geht es in "Lieben" vorrangig um den ganz normalen Familienalltag eines Schriftstellers, seiner Frau Linda und den drei Kindern.

Wir erleben minutiös beschriebene Familienausflüge, Alltagsbeschwernisse wie Windelwechseln und Einkäufe, wir leiden mit an den Kreativitätskrisen des Künstlers, die - gepaart mit Anflügen einer midlife crisis - zu außerordentlich aggressivem Verhalten in der Partnerschaft und zu einem ungesunden Maß des Alkoholkonsums führt.

Suchbewegung

Die Grenzen zwischen dem Erzähl-Ich Karl Ove und Autor Knausgard verschwimmen völlig. Diese radikal-autobiografische "Stimme der eigenen Persönlichkeit" fesselt den Leser auf mysteriöse Weise an den Text. Knausgard betreibt eine ganz intensive und tief gehende Selbstbefragung. Diese Methode reicht bis an die Grenzen der Selbstzerfleischung. Nicht überhörbar ist überdies ein leicht misanthropisch-anarchistischer Tonfall. Knausgard hadert mit Gott und der ganzen Welt und wandelt dabei erzählerisch stets auf dem gefährlich schmalen Grat zwischen kunstvoller Zeitdehnung und ermüdender Langatmigkeit.

"Das Leben ist keine mathematische Größe, es hat keine Theorie, nur Praxis", heißt es treffend im vorliegenden Band, in dem es um nicht weniger geht, als um die radikale Suche eines Schriftstellers nach dem Lebenssinn.

Das liest sich über weite Strecken sehr schmerzhaft - ein klein wenig wie masochistische Prosa. Insofern wirkt der norwegische Originaltitel "Mein Kampf" dieses monumentalen Vorhabens durchaus sinnstiftend. So trägt Knausgards opulente literarische Suchbewegung auch selbsttherapeutische Züge. Es geht um den unsichtbaren Kampf gegen die "bösen Geister" des Mainstreams, gegen die fortschreitende Verfinsterung des eigenen Blicks - ein gewagter künstlerischer Versuch, das Glückshormon Dopamin im eigenen Körper zu reaktivieren. In Norwegen sind bereits alle sechs Romane erschienen, jetzt, so Knausgard, wolle er kein Dichter mehr sein.

PETER MOHR

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