Die Liebe zum Wildwuchs
Mit benutzbaren Skulpturen und Möbeln wurde er weltberühmt. Am Donnerstag starb Franz West nach langer Krankheit 65-jährig in Wien.Ein Nachruf von Walter Titz.

Foto © APAFranz West 2009 vor dem von ihm gestalteten eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper
Man darf nicht versulzen, in einen Trott verfallen." So umriss Franz West im Herbst 2010 im Gespräch mit der Kleinen Zeitung seine kreative Philosophie. Damals hatte der Künstler im Kunsthaus Graz eine Personale eingerichtet, deren Frische zeigte, dass West, schon damals von schwerer Krankheit gezeichnet, im Lauf seiner Karriere niemals versulzt noch in einen Trott verfallen war, sondern stets für Überraschungen gut.
Arbeiten aus sechs Jahrzehnten führten vor, wie einer der erfolgreichsten österreichischen Künstler des vorigen und des laufenden Jahrhunderts sich immer wieder neu erfand - und dabei gleichzeitig treu blieb. In Malerei, Grafik, Skulptur, Objekt und Installation schuf West Werke, die fraglos vom Geist des Wiener Aktionismus geprägt waren, sich von diesem aber auch distanzierte. Die 1972 entstandene "Hommage an die Elite progressiver Kulturschaffender Österreichs" ist ein witziges, "schon boshaft gemeintes" Statement einer Hassliebe.
International Furore machte West mit seinen "Passstücken" und seinen Sitzmöbeln. Beides Beispiele einer Kunst, an welcher das Publikum partizipieren sollte. Freilich nicht, indem man sie, wie es unlängst seinem "Onkelstuhl" in einem Grazer Café passierte, stiehlt.
Humor
Mit der Biennale von Venedig 1990, bei der in Aluminium gegossene "Passstücke", tragbare Skulpturen, den österreichischen Pavillon belebten, begann ein kometenhafter Aufstieg, der den Sohn einer Zahnärztin und eines Kohlenhändlers zum Star machen sollte. Was West (der erst mit dreißig ein Studium bei Bruno Gironcoli an der Wiener Akademie begann und seine erste Museumsausstellung 1986 an der Grazer Neuen Galerie hatte) vermutlich selbst am meisten überraschte, freute, doch sonst nicht weiter in seinem Schaffen irritierte.
Darüber hinaus war Franz West ein Mensch mit viel Humor und (Selbst)Ironie. Im Vorfeld von Catherine Davids documenta X ordnete er seine Arbeiten der von ihm erfundenen "Home Art" zu. Im Rahmen der eingangs erwähnten Grazer Retrospektive meinte er mit Blick auf Verpackungsmaterial, welches Teil der Schau war: "Da muss man aufpassen, dass das die Ausstellungsmacher nicht gleich wegräumen. Die denken gerne sauber."
"Sauberes Denken" war Franz Wests Sache nicht. Lieber verstrickte sich der Belesene in philosophische Gebilde, die manchmal in seinen Skulpturen direkten Ausdruck zu finden schienen. Vielleicht ist dies der gemeinsame Nenner des ?uvres: Spielerisches mit komplexen undogmatischen Gedankengängen zu verknüpfen, den Betrachter zum weiteren Spielen und Denken aufzufordern.
Nicht zuletzt dafür wurde der "bricoleur", der kreative Bastler im Sinn des "Wilden Denkens" von Claude Lévi-Strauss, im Vorjahr bei der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk geehrt.

















