Endlich Erlösung
Wie ein Buch über sexuelle Dominanz- und Unterwerfungsfantasien doch nur prüde Schmonzettenklischees bedient.
Das war ja wohl zu erwarten. "Shades of Grey" wird also verfilmt, die Produzenten der Facebook-Saga "The Social Network" wollen den Erotik-Bestseller ins Kino bringen.
30 Millionen Mal sollen sich die Bücher und E-Books der Engländerin E. L. James bereits verkauft haben, und der Hype reißt nicht ab: Zu gefällig skandalös ist der Erotik-Bestseller, in dem eine College-Absolventin von einem Multimillionär in die Geheimnisse der strengen Liebe eingeführt wird: Endlich gibt's jetzt Sadomaso für alle, Knebel, Fesseln, Spreizstangen inklusive. 2011 erschien der Roman als E-Book in einem kleinen australischen Verlag, erst als das Buch innerhalb weniger Monate millionenfach heruntergeladen wurde, entschloss sich ein US-Verlag zur Veröffentlichung als Taschenbuch. Mittlerweile ist "Shades of Grey" in 37 Länder verkauft, auch eine deutsche Übersetzung liegt seit Kurzem vor, und dass uns die noch länger beschäftigen wird, liegt nicht nur am avisierten Filmprojekt: Der programmierte Superseller ist auf drei Bücher angelegt (Band 2 und 3 erscheinen im Herbst auf Deutsch). Das folgt nicht nur Vorbildern wie "Harry Potter" (sieben Bände) und "The Hunger Games" (drei Bände), sondern vor allem Stephenie Meyers dreiteiliger "Twilight"-Saga. Ursprünglich war "Shades of Grey" eine deviante Fortschreibung der Vampirliebe von Edward und Stella. "Fanfiction" heißt das junge Genre, in dem Amateure, meist in Blogs, die auserzählten Geschichten ihrer fiktiven Helden weiterfantasieren.
Köstliche Muskeln
Vielleicht ist das ein zentrales Stichwort: Amateure. Das Buch sei das Ergebnis ihrer Midlife-Krise, ließ E. L. James ihr Publikum wissen. Ganz ehrlich: Das merkt man dem Buch auch an. Plot, Erzählmodus und Vokabular sind von geradezu gespenstischer Schlichtheit, die Wiederholungen endlos. Überkommt die Heldin die Lust, ziehen sich immer und immer wieder "die Muskeln meines Unterleibs köstlich zusammen", die Augen des Helden werden stets aufs Neue "dunkel vor Begierde", und für den männlichen Orgasmus ist James auf 600 Seiten eine einzige Umschreibung eingefallen: Nach ausgiebiger Kopulation findet er "endlich Erlösung". Im Gegensatz zum Leser, den die repetitive Schilderung von Sexpraktiken, die laut einschlägigen Studien gar nicht so abseitig sind, wie die Autorin zu glauben scheint, zunehmend langweilt. Da hat man aber noch 400 Seiten vor sich.
Wirklich erschütternd ist aber, dass der Roman, der in allen Belangen den ehernen Gesetzen des Trivialromans folgt (Heldin - natürlich Jungfrau - verfällt mit Haut und Haar einzigartigem Alphamännchen, er ihr auch. Aber die Umständ'!), ernsthaft als postfeministische Ermächtigungsfantasie diskutiert wird. Motto: Frauen sind heute schon so befreit, da lässt sich doch auch einmal ganz offen über weibliche Unterwerfungsgelüste plaudern.
Dabei geht es in der zentralen Fantasie des Romans um eine Art der Unterwerfung, die keineswegs sexueller Natur ist: James perpetuiert die öde alte Fantasie vom einzig richtigen Mann - der Hoffnung, den zu finden und zu halten muss die Frau alles andere unterordnen. Nur: Um ihrer Leserschaft dieses abgeschmackte Dogma noch einmal einzubläuen, hätte es die neunschwänzige Katze echt nicht gebraucht.















