Späte Liebe in den Ruinen des Lebens
"Gleitendes Ableben oder Ein Fall von Liebe": Das Heunburg-Theater zeigt eine unterhaltsame Pensionisten-Romanze voll grandioser Verzweiflung.

Foto © HeunburgAlter Zyniker trifft lebenslustige Witwe: Oliver Vollmann (Leon) und Christa Pillmann (Alice) im Heunburger Altersheim
Für die Heunburger Theatermacher ist "Gleitendes Ableben" ein "Beitrag zum Europäischen Jahr des aktiven Alterns". Das könnte leicht als Drohung missverstanden werden. Denn welcher Theaterbesucher hat schon Lust, zweieinhalb Stunden seines Lebens für aktives Älterwerden zu opfern? Selbst wenn es ihn, so wie den jugendlichen Gästen in Haimburg, keinen einzigen Cent kosten sollte.
Doch die Tragikomödie, die Regisseur und Autor Ronald Pries 16 Jahre lang in der Schublade reifen ließ, um sie tantiemenschonend in der eigenen Burgruine zu präsentieren, entpuppt sich erstaunlicherweise als unterhaltsame, zuweilen berührende, aber in jedem Fall unpädagogische Farce über die Hoffnungen und Abgründe des Alters, insbesondere über die immerwährende Sehnsucht nach Liebe und die begründete Angst vor dem Ende.
"Ein Handkuss von ihnen wäre ein Geschenk des Himmels", gesteht die kontaktfreudige Alice ihrem Altersheimgenossen Leon und erhält spöttisch zur Antwort: "Da können Sie in der Tat noch nicht viel erlebt haben." Es ist der Beginn eines Widerspenstigen Zähmung, die Bekehrung eines Zynikers, der als gescheiterter Schauspieler zum Tyrannen wurde und seinen Verfolgungswahn nach allen Regeln der Schauspielkunst auslebt. Vornehmlich nach Zitaten von Shakespeare, Schiller und Goethe. Am Ende werden Leon und Alice klassische Liebesszenen einstudieren, um sie ihren greisen Mitbewohnern vorzuspielen. Doch dazu wird es nicht kommen.
Inmitten des funktionellen Bühnenbilds aus stilisierten Baumringen (Elias Molitschnig) hat vor allem Oliver Vollmann seinen großen Auftritt. Es ist aktives Altern pur, wenn der zornige Heiminsasse mit seinem Rollstuhl Haken schlägt, auf seine bemitleidenswerte Pflegerin (Dagmar Sickl) einbrüllt, oder in einer albtraumhaften Szene als Faust mit dem mephistophelischen Anstaltsarzt (Andreas Ickelsheimer) ums Überleben ringt. Selten haben Tobsucht und Verzweiflung so glaubwürdig Ausdruck gefunden. Dieser exzessiven Urgewalt steht eine betuliche, fast naive Alice gegenüber (Christa Pillmann), die überraschend eine düstere Vergangenheit enthüllt. Gegen Ende stehen sich Holocaustopfer und ehemaliger Wehrmachtssoldat als Liebende gegenüber, genießen bescheiden das Gnadenbrot einer gnadenlosen Gesellschaft, der sie einst ihre Jugend opfern mussten.
Euthanasieängste
Ronald Pries hat viele Themen in sein Stück gepackt und noch mehr gewollt. Manches wirkt bemüht, wie etwa seine Angst vor staatlich verordneter Euthanasie (gleitendes Ableben), wo gerade heute für deren Legalisierung gekämpft wird. Doch Wortwitz und muntere Dialoge durch exzellente Schauspieler sorgen für Abwechslung im geriatrischen Ambiente, dem ein wenig mehr vom legendären Heunburg-Zauber - magische Lichtregie und Sound inklusive - gut getan hätte.
Wie sagte doch der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg: "Wir begreifen Ruinen nicht eher, als wir selbst Ruinen sind". In der tausendjährigen Ruine der Heunburg fällt zumindest das ein bisschen leichter.
Features
Heunburg Theater 2012
"Gleitendes Ableben oder ein Fall von Liebe". Eine Tragikomödie von von Ronald Pries.
Ort: Heunburg in Haimburg bei Völkermarkt.
Weitere Aufführungen bis 11. August. Beginn: jeweils 20.15 Uhr.
Weiters auf dem Programm: "Enigma", "Messerköpfe", "Kasperl.Herz". Sowie die Konzerte: "schnittpunktvokal" mit Marco Tamayo (29.7.), Karen Asatrian und Wolfgang Puschnig (17.8).
Karten: 0650/7624395
Infos. www.heunburgtheater.at
















