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    Zuletzt aktualisiert: 09.06.2012 um 22:15 UhrKommentare

    "Man gerät ja an den Rand der Gesellschaft"

    Der österreichische Autor Gerhard Roth wird am 24. Juni 70 Jahre alt und spricht im großen Interview über das Alter, seine Bücher und das Kommentieren von Politik: "Wir leben in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, Schuldige auszumachen".

    Foto © Eva Hütter

    S ie sind mehrfacher und - wie wir erleben durften - begeisterter Großvater. Was haben Sie von Ihren Enkeln gelernt?

    GERHARD ROTH: Viel, mit zunehmendem Alter gerät man ja an den Rand der Gesellschaft, und da gewinnt der kindliche Aspekt wieder an Gewicht. Ich habe zum Beispiel vom Simon gelernt, meine Kindheit zu rekonstruieren. Bis in meine 50er-Jahre konnte ich mich kaum an meine Kindheit erinnern. Nachdem ich Simon Stunden um Stunden über die Odyssee, die Habsburger erzählt hatte, fragte er mich über meine Kindheit. Er hat mich wirklich gelöchert, und im Lauf von zwei, drei Jahren ist die Erinnerung Stück für Stück zurückgekommen. Ich verdanke diesem Erzählen mein Buch "Das Alphabet der Zeit".

    Und was geben Sie Ihren Enkeln mit?

    ROTH: Respekt vor anderen Menschen, egal welchen Standes und welcher Hautfarbe. Und dass Zuneigung etwas ist, das man zeigen muss, von dem man nicht nur sprechen sollte.

    Als wir Sie zu Ihrem 65. Geburtstag fragten, wie alt Sie sich fühlten, sagten Sie: Meine Seele ist achtzehn. Wie alt ist sie jetzt?

    ROTH: (schmunzelt) Siebzehn.

    Nervt es Sie schon ein bisschen, zu solchen Anlässen immer wieder über Ihre Haltung zum eigenen Ende befragt zu werden?

    ROTH: Ich denke ununterbrochen an den Tod, man kann mich gar nicht so oft fragen, wie ich selbst daran denke. Das Thema beschäftigt mich, seit ich ein Kleinkind war. Später, in persönlichen Krisen, hat mir der Gedanke an eine Fluchtmöglichkeit die Schwierigkeiten zu meistern geholfen.

    Ist das immer noch so?

    ROTH: Ich leb' jetzt viel lieber als früher, mir gefällt auf einmal der Alltag, der mich früher überhaupt nicht interessiert hat. Und jetzt gefällt mir alles ununterbrochen, Blattformen, der Wechsel der Jahreszeiten, Begegnungen mit Menschen, ein Sieg von Sturm Graz. Die Summe dieser Dinge gibt mir mehr Kraft als früher. Ich sehe mein Ende nicht so drohend daherkommen. Das Kommen und Verschwinden hat etwas mit dem ganzen Universum zu tun, das ja auseinanderstrebt und eines Tages in sich zusammenbrechen wird. Alles ist mit einem Ende ausgestattet, warum soll es bei mir anders sein?

    Günter Grass hat mit seiner Protestpoesie zu Israel und Griechenland zuletzt enormen Rummel bewirkt. Reizt es Sie nie, Ihre politische Askese aufzugeben?

    ROTH: Ich bin nicht asketisch, ich denke permanent mit. Mir fehlt mit 70 bloß die Kraft, alles gleichzeitig zu machen, ich konzentriere mich auf meine Bücher. Politik zu kommentieren, ist ja vor allem die Aufgabe guter Journalisten, und da haben wir in Österreich ein hohes Niveau wie nie zuvor. Dazu kommen komplexe Probleme, die von außen auf uns einwirken, die Euro-Krise und so weiter. Die Leute, die via Börse über uns bestimmen, kennt man gar nicht mehr, und wir haben keinen Einfluss auf die Entwicklung. Wir leben in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, Schuldige auszumachen. Früher gab es den bösen bourgeoisen Fabriksdirektor, der für Entlassungen namhaft gemacht werden konnte, heute sind es anonyme Aktienbesitzer und Spekulanten.

    Wo es keine Schuldigen, gibt es auch keine Sühne .

    ROTH: So ist es. Derzeit gibt es eine Start-Landebahn für die Gier, unter Vernichtung der Ressourcen der Erde. Wir müssten längst umdenken, doch es heißt immer noch: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Diese Ideologie halte ich für längst überholt, und es wird nur wenige Jahrzehnte brauchen, bis wir zum Umdenken gezwungen werden.

    Fühlen Sie sich in der Sozialdemokratie noch beheimatet?

    ROTH: Ich fühle mit den Leuten, die die Sozialdemokratie brauchen . . .

    Kriegen die sie überhaupt noch?

    ROTH: In den meisten politischen Fragen sind die Schwächeren bei der Sozialdemokratie besser aufgehoben als bei anderen Parteien.

    Ist das wirklich so?

    ROTH: In der Politik ist ein allgemeiner Entmündigungsprozess im Gange, durch die Wirtschaft, die Banken et cetera. Man sieht auch keine Politiker mehr in direkter Begegnung mit den Bürgern. Sie tauchen nur zu Wahlzeiten auf, sonst sitzen sie technokratisch zusammen und überlegen, wie man die Politik noch weiter von den Menschen wegbringen kann.

    Gibt es gar keinen lebenden österreichischen Politiker, der Ihnen Respekt abnötigt?

    ROTH: In der Steiermark haben wir mit Franz Voves einen ganz guten Mann. Mich wundert, dass sich so einer Politik noch antut. Auf Bundesebene nötigt mir Claudia Schmied mit ihren Schulgedanken Respekt ab, sie steuert auf klare Ziele zu.

    Ihre Fußballbegeisterung ist ungebrochen?

    ROTH: Fußball ist so etwas wie Fortsetzung der Kindheit für mich. Ich habe mit acht Jahren mein erstes Fußballspiel erlebt, Sturm Graz hat Wiener Neustadt 9:0 geschlagen, das war im September 1950. Jetzt bin ich 62 Jahre lang Sturm-Anhänger . . .

    . . . und 62 Jahre lang Kind?

    ROTH: Kind bin ich sowieso, weil ich noch dieselben Gefühle habe wie damals, nur sind sie ein bisschen intellektualisiert worden. Aber jeder, der Sturm so liebt wie ich, ist auch ein Kindskopf.

    Schmerzen Niederlagen sehr?

    ROTH: Niederlagen sind ein Teil des Lebens, das spürt man beim Fußball ganz deutlich, auch dass es bei einem Unentschieden keine Lösung gibt. Oder auch Ungerechtigkeit, wenn eine bessere Mannschaft gegen eine mit mehr Glück verliert. Wenn man will, kann man Fußball als Gleichnis fürs Leben sehen.

    Gibt es ein Land, dessen Spielkultur Sie besonders beeindruckt?

    ROTH: Spaniens Fußball ist von unglaublicher Schönheit. Diese Spieler sind eigentlich Artisten, die auf kunstvolle Weise Tore herstellen, statt sie zu erkämpfen.

    Stichwort EM in der Ukraine: Teilen Sie die Behauptung, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun?

    ROTH: Nein, überhaupt nicht. Das sind ja ganze Gesellschaften, die ihre Sportler als Stellvertreter in ein Land schicken. Sport kann nicht über alle Zustände erhaben sein, sonst könnte man die nächste Meisterschaft gleich in Syrien abhalten. Aber wenn alle Spielstätten und Stadien stehen, ist es zu spät, da gibt es kein Zurück. Dass zum Beispiel die Ukraine ein politisch filigraner Staat ist, war ja schon vorher bekannt.

    Aber der UEFA scheint das egal gewesen zu sein.

    ROTH: Vielleicht sollte man diese Verbände schon vorher medial unter Beschuss nehmen. Sport ist nie unschuldig. Wenn man sich die Olympischen Spiele unter Hitler 1936 und dazu die Filme von Leni Riefenstahl anschaut - mehr Propaganda kann man gar nicht machen. Auch die DDR, die Sowjetunion et cetera haben später ihre Sportler missbraucht.

    Sie sind ein bekennender Bibliomane. Gibt es so etwas wie ein Buch Ihres Lebens?

    ROTH: Moby Dick und Tristram Shandy. Sehr gerne habe ich immer wieder Bibel gelesen, lange als eine Art Unbewusstes der Menschheit, aus dem man Schlüsse ziehen kann, welche Sehnsüchte, Triebe, welche Ängste sie hat.

    Seit Jahren erlebt man Sie fast ausschließlich an der Seite Ihrer Frau Senta, was bedeutet sie Ihnen?

    ROTH: Dass ich über alle schweren Zeiten hinweg mein Werk schaffen konnte, wäre mir ohne sie nicht möglich gewesen.

    Was nach dem Tod auf uns wartet, wissen wir bekanntlich nicht, aber wie sieht Ihr irdisches Paradies der nächsten Jahre aus?

    ROTH: Ich glaube, dass wir noch immer in einem, sich allerdings fragmentarisch auflösenden Paradies leben. Vielleicht essen wir gerade erst vom Baum der Erkenntnis und sind dabei, das gesamte irdische Paradies zu zerstören.

    INTERVIEW: FRIDO HÜTTER, HUBERT PATTERER

    Steckbrief

    Gerhard Roth, geboren am 24. Juni 1942 in Graz.

    Studium der Medizin (abgebrochen), danach Organisationsleiter im Rechenzentrum Graz.

    Forum-Stadtpark-Mitglied ab 1972, Kontakte mit Peter Handke, Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch, Gerhard Rühm, H. C. Artmann u. a.

    Hauptwerke: die Romanzyklen "Orkus" und "Die Archive des Schweigens", zahlreiche fotogra-fische Essays, neun Filmdreh- bücher, sechs Bühnenstücke.

    Aktuelle Ausstellung: Im Irrgarten der Bilder, Greithhaus, St. Ulrich im Greith (bis 5. August).

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