Von Kirschkernen im Olympiastadion
Ai Weiwei lebt idyllisch. Im Garten seines Wohnstudios im Norden Pekings sprießen Bambus und Kiefern. Ein Dutzend Katzen und mehrere Hunde tollen über den Rasen. Ai Weiwei sitzt in der Morgensonne und isst Kirschen. Die Kerne landen in einem gläsernen Aschenbecher, der die Form des Pekinger Olympiastadions hat. Ein Spucknapf mit hohem Symbolwert: Vor zehn Jahren wurde Ai durch seine Mitarbeit am Design des sogenannten "Vogelnests" weltberühmt und zu einem der bestverkauften chinesischen Künstler. Doch noch vor den Olympischen Spielen 2008 distanzierte er sich von dem Projekt, weil er das Sportfest als Machtdemonstration der Kommunistischen Partei sah. Seitdem gilt er als Chinas mutigster Regimekritiker.
Der 54-Jährige, der durch einen spektakulären Felstrans-port auf den Dachstein 2010 und eine Ausstellung im Grazer Kunsthaus 2011 auch schon in Österreich präsent war, setzte viele Protestaktionen gegen Korruption und Machtwillkür, bis er am 3. April 2011 auf dem Pekinger Flughafen festgenommen wurde. Die Haft löste weltweit einen Sturm der Entrüstung aus. Nach 81 Tagen ließen die Behörden Ai unter strengen Auflagen nach Hause zurückkehren. Seitdem hält er sich mit Aktivitäten weitgehend zurück und gibt fast keine Interviews. Für die Kleine Zeitung machte er eine Ausnahme.















