Wenn die dunklen Zeiten ausgeleuchtet werden
Memory I und II im Schauspielhaus: 13 Stunden Dokumentar-Tanztheater aus China bei den Wiener Festwochen.
WIEN. Sich an etwas öffentlich zu erinnern, setzt eine offene Gesellschaft voraus, denn Erinnerungen sind nicht kontrollierbar und können Brisantes ans Tageslicht befördern. Insofern darf das Wiener Gastspiel des 1994 von der Choreografin Wen Hui und dem Filmemacher Wu Wenguang in Peking gegründeten "Living Dance Studio" als positives Signal gewertet werden. Inwieweit es auch als Feigenblatt für die aufstrebende Weltmacht fungiert, bleibt spekulativ.
Verblendung
Der Memory-Zyklus thematisiert politische Fehlentwicklungen, zu denen sich das offizielle China inzwischen bekennt, ohne sie ausreichend in Geschichtsbüchern zu dokumentieren: "Memory I" dreht sich um die mörderische Verblendung der Jugend während Maos Kulturrevolution von 1966 bis 1976, "Memory II" berichtet von der großen Hungersnot zwischen 1958 und 1961 aus Sicht der Landbevölkerung. Wenige wissen, dass die Hungersnot ausbrach, weil man die Bauern in die ehrgeizige Stahlproduktion abkommandierte.
Wie ein feinmaschiger, transparenter Gedächtnisraum wirkt die in trübes Licht getauchte Bühne von "Memory I" mit ihrem übergroßen Moskitonetz. Die Tänzerin Li Xinmin wird darin unermüdlich nähen, während sie die 52-jährige Choreografin und Tänzerin Wen Hui zu deren Kindheit während der Kulturrevolution befragt. Zum einlullenden Surren der Nähmaschine erfahren wir von Huis Wunsch als Tänzerin in Maos Revolutionsballett vom "Mädchen mit den weißen Haaren" mitzuwirken. Doch anstatt zu tanzen enthüllt sie ihren Körper als Erinnerungsarchiv.
Die suggestive Kraft der Kulturrevolution erhellt Wu Wenguang, wenn er historisches Propagandamaterial auf das Moskitonetz projiziert. Glückliche Massen, Aufmärsche, Lieder und Frohsinn stellt er den Interviews mit ehemaligen Rotgardisten gegenüber, die berichten, wie sie während der Kulturrevolution ihre Lehrer, Eltern und Verwandten denunzierten. Ein berührender Abend, der nicht nach Schuld giert, sondern die Dynamik einer kolossalen Fehlentwicklung begreifen will.
Auch in "Memory II" bleibt die Bühne im Dunkeln. Nur, wenn der Projektor das Filmmaterial an die Leinwand wirft, scheint es kurzfristig zu dämmern. Die neun Performerinnen und Performer benötigen durchgehend Taschenlampen, um sich ihre Wege zu bahnen. Fast alle sind Jung-Filmer kurz vor dem Uni-Diplom, die alte Menschen über die große Hungersnot Ende der 1950er Jahre befragten. Gekonnt arrangiert Wenguang ihre Aufnahmen mit Huis minimalistischer Bewegungschoreografie, die das Licht der Taschenlampen als zentrales, ästhetisches Motiv inszeniert.
"Wir haben alles gegessen: Die Blätter von den Bäumen, das Streu aus dem Kopfpolster, das Seil des Brunnens.", hört das fassungslose Publikum von Ereignissen, die man bisher nur als Gags aus Stan Laurel und Oliver Hardy Filmen kannte.
Minutenlang robbt das Ensemble am Ende Schulter an Schulter zur Bühnenrampe und skandiert staccatoartig Schlüsselsätze aus den Interviews, bis sie sich keuchend wie zu einem Leichenberg übereinander geschichtet haben. Ein Bild des Trauer, aber auch der Ruhe, als könne man aus dem Schrecken der Geschichte lernen. INGRID TÜRK-CHLAPEK














