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    Zuletzt aktualisiert: 18.05.2012 um 20:30 UhrKommentare

    Der Sekretär der Geister

    Galsan Tschinag ist Literat aus dem Westen der Mongolei. Seine Bücher schreibt er auf Deutsch. Sie sind, sagt Tschinag, "Schamanerei für die Moderne".

    S ie haben viele Aufgaben: Stammesoberhaupt des nomadischen Tuwa-Volkes, deutschsprachiger Schriftsteller, Schauspieler, Schamane.

    GALSAN TSCHINAG: Ja, ich bin ein Junge für alles. Ein Junge für alles meines Volkes.

    Was ist Ihre Lieblingsaufgabe?

    TSCHINAG: Das Allerliebste wäre wohl doch die Literatur, die Dichtung. Ein bisschen Spinnen, Geschichten drehen, aus dem Nichts. Aber dieses Nichts ist immer erlebter Stoff. Oder zum Teil auch zu erlebender Stoff.

    Was verbindet Ihre Dichtung und Ihre schamanische Arbeit?

    TSCHINAG: Meine Schreiberei ist meine Schamanerei auf dem Papier. Glaubt einer denn wirklich, dass ein Ausländer, ein Nomade, der erst im Erwachsenenalter den Boden der deutschen Sprache betreten hat, inzwischen über dreißig Bücher geschrieben und veröffentlicht hat, das wirklich ganz allein aus eigener Kraft macht? Im Augenblick, wie ich da sitze und schreibe, bin ich nur Sekretär der schamanischen Geister. Etwas Ähnliches hat schon Tolstoj gesagt: Ich sitze und beobachte. Ich weiß nicht, was in fünf Minuten geschieht mit meinen Händen. Einmal fing er ganz laut an zu weinen und rief: Anna ist gestorben! Er hatte plötzlich beobachtet, dass sich seine Anna Karenina vor den Zug werfen musste. Wenn eine Geschichte so nicht erlebt wird, dann wird sie nicht lebendig.

    Das bedeutet, Ihr Schreiben ist nicht durchgeplant, es entwickelt sich aus dem Moment, aus dem, was durch Sie spricht.

    TSCHINAG: Ich bin Baumdichter geworden. Ich stecke Samen in die feuchte Erde und dann beobachte ich Morgen für Morgen, Abend für Abend was daraus wird. So wächst ein Buch, Satz um Satz. Manchmal sind das nur Wörter. Heute würde ich nie mehr zehn Gedichte an einem Tag zusammenbekommen, auch wenn einer mir das Fell abziehen wollte.

    Warum?

    TSCHINAG: Es geht einfach nicht. Man wird mit zunehmendem Alter wortkarg. Auch die schönsten Wörter sind einem nicht schön genug. Schön ist im Alter nur, was wahr ist. Da möchte man etwas machen, das Bestand hat. Ich habe Günter Grass gut verstanden, als er sagte, er schreibe sein Gedicht "mit letzter Tinte". Das ist ein bitteres, aber wahres Wort.

    Welche Stellung haben Sie in der Gesellschaft Ihres Tuwa-Volkes als Dichter, welche als Schamane?

    TSCHINAG: Das kann man nicht trennen. Ich bin am liebsten Dichter-Schamane-Stammeshäuptling-Bäumling. Ich bin ein Bürger. Was ich an Günter Grass hoch einschätze, ist sein Bürgermut. Ich möchte von meiner Mitwelt in meinem Bürgerfleiß gesehen werden. Ich tue alles, keine Arbeit ist für mich schlecht, jede Arbeit ist für mich heilig. Ich habe Menschen geheilt, jetzt heile ich den Himmel und die Erde. Meine Bücher sind Heilbücher. Es ist das Schamanische, das da wachliegt und auf das Bewusstsein des Lesers wirken kann.

    Warum wählen Sie Deutsch als Sprache Ihres Schreibens?

    TSCHINAG: Mein Volk hat keine Schrift. Wenn ich schon Schreibender werden wollte, wäre jede geschriebene Sprache eine Fremdsprache gewesen. Dazu kommt, dass ich als Gegner des Kommunismus in den Jahren, als ich anfing zu schreiben, ein "politisches Element" war. Ich wusste Tag und Nacht zwei Stasi-Menschen hinter mir. Wenn ich auf Deutsch tippte, wusste keiner, woran ich arbeitete. Der wahre Grund ist aber ein anderer. Das deutschsprachige Europa hatte über die alten Germanen schamanische Wurzeln, aber keine Schamanen mehr. Das schamanische Denken war ausgerottet worden. Da musste ein unverdorbener junger Mensch aus dem Epizentrum des Weltschamanentums, aus Tuwa, kommen, die Sprache erlernen und etwas tun. Und so habe ich meine Bücher geschrieben - das ist meine Schamanerei für die moderne Zeit und die heutigen Menschen.

    Worin sehen Sie die größten Unterschiede zwischen der Kultur Ihres Volkes und dem, wie wir in Europa leben?

    TSCHINAG: Das materielle Gut hat in Europa einen sehr hohen Stellenwert. Für uns ist ein Berg schöner als ein Gebäude. Hier zerstört man den Berg und baut ein Glashaus. Den Gebäuden gibt man dann schöne Namen - Renaissance, Rokoko, Jugendstil. Ein Berg dagegen bleibt immer ein Berg. Er ist eine Persönlichkeit und hat für jeden Verständnis. INTERVIEW: NINA KOREN

    Lesung: 21. Mai, 20 Uhr, Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30 a. Karten: Tel. 0676 67 101 66. literaturhaus-graz.at


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