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Zuletzt aktualisiert: 01.05.2012 um 20:16 UhrKommentare

"Ich bin eine optimistische Realistin"

Waltraud Meier singt derzeit an der Wiener Staatsoper die Santuzza in Mascagnis "Cavalleria rusticana". Im Interview zieht sie Bilanz über dreißig Jahre Weltkarriere.

C avalleria rusticana" hat für Sie besondere Bedeutung. In dieser Oper hatten Sie, mit 20, in Ihrer Heimatstadt Würzburg den allerersten Auftritt.

WALTRAUD MEIER: Es muss 1980/81 gewesen sein, dass ich die Santuzza erstmals gesungen habe. Ungefähr so lange ist auch die Kundry in Wagners "Parsifal" in meinem Repertoire. Was "Cavalleria rusticana" betrifft: Die Musik ist immer wieder mitreißend, man kann sich ihrer Leidenschaft nur schwer entziehen.

Wie betrachten Sie momentan Ihre Karriere?

MEIER: Ich versuche, diesen Beruf nach wie vor mit Inhalt zu füllen und meine Kriterien hochzuhalten. Manchmal fällt mir das in unserem heutigen Musikbetrieb vielleicht etwas schwerer als früher, doch grundsätzlich lasse ich mich nicht beirren. Ich möchte die künstlerischen Ansprüche an mich selbst erfüllen, konzentriere mich auf das, was ich selbst mache, und nicht darauf, was rundherum geschieht.

Eine Anspielung auf unseliges Regietheater?

MEIER: Ich halte die Fahne für das große Musiktheater hoch, aber ich bleibe selbst heute positiv. Dann hat man mehr Zufriedenheit im Beruf. Gemeckert wird schnell, wichtiger ist aber, die Verantwortung für das eigene Tun ernst zu nehmen.

Ihre Gewissenhaftigkeit geht so weit, dass Sie sich sogar von einer Psychotherapeutin über die Figur der Klytämnestra in der "Elektra" von Strauss beraten ließen?

MEIER: Ich wollte wissen, wie man Klytämnestra als Therapeut gesehen hätte. Es war ein langes Gutachten. Mich hat ihre ganze Familiengeschichte interessiert, sicher eine "dysfunctional family". Für mich galt es, einfach vom Klischee, das mich nie überzeugt hat, wegzukommen. Klytämnestra wird gerne sehr grotesk dargestellt, doch dieses Klischee wollte ich nie bedienen. Ich habe versucht, sie als tragische Person zu sehen und ihr ihre Würde wieder zurückzugeben.

Was sagen Sie zum Hype in der heutigen Opernwelt?

MEIER: Stört mich nicht. Ich führe mein Leben. Mich hat dieser Hype nie erfasst. Ich könnte damit auch gar nicht leben. Ich will meine Arbeit in Ruhe tun.

Wer Sie als Diva bezeichnet, liegt also falsch?

MEIER: Das ist ein Ausdruck, der mich überhaupt nicht trifft. Diesem Klischee entspreche ich ganz und gar nicht.

Aber Sie gelten jedenfalls als sehr energische Frau?

MEIER: Bodenständig, würde ich sagen. Mit guten Argumenten kann man mich stets überzeugen.

Im Juni kommen Sie wieder nach Österreich, zur Schubertiade nach Schwarzenberg. Was ist für Sie das Besondere an Franz Schubert?

MEIER: Er wärmt einfach das Herz, berührt so unmittelbar. Richard Wagner hingegen trifft einen gleich in die Magengegend.

Sie sind heuer wieder mit dem West-Eastern Divan Orchestra und Daniel Barenboim unterwegs?

MEIER: Wir treten mit Beethovens Neunter in Versailles auf und sogar zur Eröffnung der Olympischen Spiele in London. Ich bin Ehrenmitglied des Orchesters. Das zählt zu den paar Sachen, auf die ich besonders stolz bin.

Worauf noch?

MEIER: Auf den Lotte-Lehmann-Ring, den ich am 21. April 2011 in der Wiener Staatsoper nach einer "Parsifal"-Vorstellung erhalten habe. Als der Anruf kam, war ich sehr überrascht. Es ist eine Anerkennung, die einem - das ist besonders schön - durch Kollegen zuteilwird.

Gibt es in Ihrem Leben auch Dinge, auf die Sie nicht stolz sind?

MEIER: Natürlich, häufig, als Perfektionistin . . . Doch ich habe gelernt, gnädig mit mir zu sein und lieber nach vorne zu schauen. Immer das Beste aus der Situation zu machen. Je älter ich werde, umso mehr denke ich: Reg' dich nicht auf. Kommt schon. Wird schon. Heute bin ich Realistin, optimistische Realistin.

Die im Sternzeichen des Steinbocks geboren ist. Was bedeutet das für Sie?

MEIER: Nachprüfen, überlegen, beharrlich sein. Aber wenn ich dann überzeugt von etwas bin, hat man mich gewonnen.

Zum Leben einer Sängerin gehört viel Disziplin. Verfluchen Sie die manchmal auch?

MEIER: Ich akzeptiere sie und würde nie so weit gehen, sie zu verfluchen. Denn ich sage immer: Ohne Fleiß kein Preis.

Werden Sie irgendeine neue Partie einstudieren?

MEIER: Momentan nicht. Manchmal überlege ich, was ich alles schon gesungen habe. Da bin ich oft selbst überrascht. Ich bin in den besten Häusern aufgetreten. Mit den besten Dirigenten. Den besten Partnern. Ich habe die Partien gesungen, die ich singen wollte. Eigentlich bin ich der glücklichste Mensch.

Keine Wünsche mehr?

MEIER: Was mich noch reizen würde, wäre, Dinge weiterzugeben. Nicht im Sinne von Gesangsunterricht, sondern das zu kreieren, was ich "Gestalt" nenne. Ansonsten aber: Ich werde mir später nicht vorwerfen müssen, dass ich etwas im Leben versäumt habe.

Nicht einmal, keine Familie und Kinder gehabt zu haben?

MEIER: Mein Privatleben ist so in Ordnung, wie ich es hatte und habe. Das klassische konventionelle Familienleben wäre sowieso nicht mein Ding. INTERVIEW: LUDWIG HEINRICH

Waltraud Meier als Santuzza in Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" an der Wiener Staatsoper: 2., 4., 8. Mai, 19 Uhr. Karten: Tel. (01) 513 1 513. www.wiener-staatsoper.at


FAKTEN

Waltraud Meier, geboren am 9. Jänner 1956 in Würzburg.

1983: Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Kundry in Richard Wagners "Parsifal".

1987: Debüt an der Wiener Staatsoper als Kundry.

1993: Als Isolde in Wagners "Tristan und Isolde" Wechsel ins hochdramatische Sopranfach.

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