Was im Namen der Liebe erlaubt ist und was nicht
Naivität, Wahnsinn und Begehren - so lässt sich österreichische Erstaufführung des preisgekrönten Stücks "Poppea" der Gauthier Dance Company in Villach beschreiben. Ein Stück über den hohen Preis der Liebe.

Foto © REGINA BROCKE In reichhaltigen Gruppenszenen (Vierter von links Eric Gauthier als Nero) bezieht der Choreograf Christian Spuck die Tische als Partner in seine Tanzproduktion mit ein.
Wie lässt sich eine hochkomplexe Handlung in ein 80-minütiges Tanzstück packen? Mithilfe einer Erzählerin. Erhobenen Zeigefingers berichtet Marianne Illig gleich zu Beginn über den blutigen Aufstieg Poppeas von Kaiser Neros Geliebten zu seiner gekrönten Gattin.
Durch diesen dramaturgischen Kunstgriff befreit sich Choreograf Christian Spuck vom Zwang auf Vollständigkeit. Nun kann er in Ruhe einzelne Stationen seiner "Poppea" - inzwischen mit dem deutschen Theaterpreis FAUST für die beste Choreografie 2011 ausgezeichnet - der Stuttgarter Gauthier Dance Company in starke Bilder und eindrucksvollen Tanz umsetzen.
Nicht nur die Erzählerin erinnert an Brechts Lehrstücke, auch die Bühne als abgetakelter Schulungsraum (Bühnenbild/Kostüm: Emma Ryott) unterstreicht die Lecture-Atmosphäre. Schließlich gilt es gemeinsam darüber nachzudenken, welche Taten im Namen der Liebe erlaubt sind und welche nicht. Nachgedacht, besser nachgetanzt wird in üppigen Renaissancekostümen aus Puffärmel, Korsett und Reifröcken, die das trockene Ambiente mit der nötigen Sinnlichkeit aufladen.
Tischpartner
Eric Gauthier verleiht seinem Nero eine Eindringlichkeit, die messerscharf zwischen Naivität und Wahnsinn changiert. Garazi Perez Oloriz tanzt ihre Poppea geschmeidig mit zielstrebigem Begehren. Beeindruckend wie Christian Spuck in seinen reichhaltigen Gruppenszenen die Tische als Partner einbezieht, sei es um sich davon für Sprünge und Hebungen abzustoßen, auf ihnen zu schreiten oder sie wie Hindernisse zu überwinden.
Die Vielschichtigkeit der Geschichte unterstreichen Videoeinspielungen. Vor allem die Aufzeichnungen des ertrinkenden Seneca und der Ex-Kaiserin Ottavia in sich blutrot färbendem Wasser ersparen uns drastischen Bühnenrealismus. Martin Donners Musikarrangement eröffnet neue Perspektiven, indem er die Klänge von Monteverdis gleichnamiger Oper mit Elektronik, romantischer Klaviermusik sowie Pop von Cat Power und Bob Dylan verfremdet.
Nero krönt seine Poppea, legt ihr das Kleid der Vorgängerin gleich einer Leiche in die Arme und schleicht sich wie ein geschlagener Hund davon. Poppea bleibt versteinert zurück. Diese Liebe zahlt einen hohen Preis.















