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Zuletzt aktualisiert: 14.04.2012 um 20:30 UhrKommentare

"Ich sammle Momente des Glücks"

Karl-Markus Gauß, einer der hellsichtigsten Denker des Landes, über seinen Schriftstellerkollegen Grass, den politischen Verfall und das Verschwinden der Sichtbarkeit der Dinge.

H err Gauß haben Sie das Israel-Gedicht von Günter Grass gelesen?

KARL-MARKUS GAUSS: Ja, ich habe es gelesen und mich gewundert, wie schlecht ein Gedicht sein kann, einfach von der formalen, lyrischen Seite her gesehen. Ein durch erzwungenen Zeilenbruch in Gedichtform in Gedichtform gebrachter Leserbrief, in dem der Autor durch vorgeschobene Devotionsgebärden seine späteren harten Behauptungen unangreifbar machen wollte. Das Zweite, was mich verwunderte, war die politische Ahnungslosigkeit, die Grass zeigt, und das Dritte, dass ein alter Autor, der es nicht aushält, wenn man ein paar Wochen nicht über ihn redet, eine solche Kontroverse auslösen kann. Er spricht übrigens wie seinerzeit Waldheim von einer Kampagne gegen ihn, nur spricht er es dröge norddeutsch aus und nicht so elegant englisch wie Waldheim, der ja eine "Campein" beklagte.

Ist Kritik an Israel tabu?

GAUSS: Nein, Kritik an Israel, an der Siedlungspolitik, an der Unfähigkeit, ja am Unwillen, sich ernsthaft mit den berechtigten palästinensischen Anliegen auseinanderzusetzen, darf es nicht nur geben, sie ist sogar angebracht und durchaus im Interesse vieler Israeli. Es gibt auch genügend Leute in Israel, darunter berühmte Schriftsteller und unbekannte Aktivisten, an denen man sich orientieren könnte. Ich finde es aber empörend, wie hier die Nazischuld auf die Israeli übertragen wird, die heute die mögliche Auslöschung eines ganzen Volkes betreiben und den Weltfrieden bedrohen sollen.

Muss ein Dichter besonders auf seine Worte achten?

GAUSS: Naja, da Worte sein berufliches Objekt, zudem meist auch seine Leidenschaft und Berufung sind, muss man von einem Schriftsteller für das, was er sagt, schon ein größeres Maß an Verantwortung erwarten als von anderen Leuten. Umgekehrt fällt mir aber auf, dass sowohl die Öffentlichkeit, als auch viele Autoren ein merkwürdig überspanntes Berufsbild vom Autor haben.

Was für ein Bild ist das?

GAUSS: Die Öffentlichkeit erwartet von den Autoren markige Sprüche zu den politischen Verhältnissen, pflegt sie aber gerne als überspannte Intellektuelle abzutun, wenn ihre Analyse nicht genehm ist. Autoren wiederum neigen nicht selten dazu, sich bei ihren politischen Kommentaren auf ihr Dichtertum wie auf ein priesterliches Wissen um die Dinge zu berufen.

Nervt Sie dieses Gehabe?

GAUSS: Es ist falsch. Wenn ich als Autor einen politischen Kommentar schreibe, tue ich das als Staatsbürger, dem sein Land nicht gleichgültig ist. Da müssen meine Gedanken politisch konzis und klar formuliert sein, aber sie werden dadurch, dass ich außerdem Gedichte, Essays, Dramen oder Romane schreibe, weder richtiger noch falscher.

In ihrem jüngsten Buch "Ruhm am Nachmittag" nimmt der politische Verfall breiten Raum ein. Stehen die Dinge wirklich so schlimm?

GAUSS: Ja und Nein. Ich fühle mich vielerlei Dingen verpflichtet als Verfasser von Journalen, aber nicht der Ausgewogenheit. Ich behaupte nicht, über die Wahrheit als Privatbesitz zu verfügen. Eher hantiere ich in meinen Journalen probeweise mit verschiedenen Wahrheiten und betrachte die Dinge immer wieder aus anderen Blickwinkeln.

Wo Sie über das Thema Bildung schreiben, überwiegt aber Ihr Zorn. Was regt Sie so auf?

GAUSS: Mich regt auf zu sehen, wie sich eine immerhin noch leidlich demokratische Gesellschaft durch bildungspolitische Ignoranz und durch Förderung medialer Verblödung die eigenen Grundlagen entzieht.

Wie tut Sie das?

GAUSS. Sie tut das mittels eines Bürgertums, das nicht auf Bildung, sondern nur mehr auf Ausbildung setzt, und sich auf diese Weise mittelfristig selbst abschafft. Und sie tut das über eine Sozialdemokratie, die massiv Geld in den Boulevard steckt und damit ein Weltbild fördert, in dem soziale Werte keinen Platz haben. Warum soll jemand ÖVP wählen, wenn die gar keine bürgerlichen, und warum jemand die SPÖ, wenn sie keine sozialdemokratischen Werte mehr verficht!

Nicht nur bestimmte Werte sondern auch die Sichtbarkeit der Dinge gehe verloren, sagen Sie. Was genau meinen Sie damit?

GAUSS: Früher hat der Reiche mit dem Bündel Geldscheinen gewedelt. Heute haben wir alle unser Vermögen auf kleinen Karten gespeichert. Wie im Kleinen so im Großen: Die wichtigen, das Leben von Milliarden betreffenden Transaktionen des Finanzkapitals sind ja gar nicht mehr in Gestalt von Firmen, die irgendwo auf der grünen Wiese wachsen, sichtbar, sondern in der digitalen Welt verborgen. Aber wie der Reichtum und seine realen Grundlagen in gewissem Sinne unsichtbar werden, muss auch die Armut unsichtbar werden. Daher die Bettelverbote, die gerade in den wohlhabenden Städten verhängt werden.

Man will nicht die Armut beseitigen, sondern dass wir sie sehen müssen.

GAUSS: Ja, und schon deswegen halte ich die Roma für eine europäische Notwendigkeit, weil sie fast als einzige uns durch ihre schiere körperliche Präsenz daran erinnern, dass es Armut gibt.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Journal intensiv mit dem Tod. Was ist der Grund dafür.

GAUSS: Ja, eigentlich versuche ich mir in diesem Buch darüber klar zu werden, wie ich selbst in einer Welt, in der mich so vieles empört, soziale Ungerechtigkeit, mediale Aufrüstung, politische Korruption, leben kann, ohne den Anspruch auf Glück preiszugeben: Ich sammle in meinen Journalen ja nicht nur Zeugnisse des Verfalls, sondern auch Momente des Glücks, Nachrichten von Widerständigkeit, Bilder und Szenen der Ermutigung. Und der Tod, über den ich in diesem Buch so viel schreibe, interessiert mich nur in Hinblick auf das, was vorher war, also ein Leben, nicht nur eine Existenz.

Wie fügt sich das für Sie zusammen: das Glück und das Wissen um die eigene Sterblichkeit?

GAUSS: Gerade indem es beides gibt. Dass wir sterben werden, gibt uns einen Auftrag: nicht kleinmütig zu leben - und das Glück, das nie von Dauer ist, immer wieder zu entdecken.

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