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    Zuletzt aktualisiert: 07.04.2012 um 20:30 UhrKommentare

    Über die weite Landschaft der Klage

    "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?": Vor 100 Jahren begann Rainer Maria Rilke, der Nomade der Literatur, in Duino bei Triest seine berühmten "Duineser Elegien" zu schreiben.

    Denn Bleiben ist nirgends", empfand Rainer Maria Rilke. Der 1875 in Prag geborene Schriftsteller blieb stets ein Nomade der Literatur. Ende 1909 hatte der damals bereits weithin bekannte Lyriker, den die Nachwelt als "vielleicht größtes dichterische Genie" (Donald A. Prater) des 20. Jahrhunderts ansehen sollte, in Paris die Fürstin Marie von Thurn und Taxis kennen gelernt. Diese lud den damals 35-Jährigen, der sich dem Adel zugeneigt fühlte, auf ihr Schloss Duino bei Triest ein, wo sie verschiedene Größen des geistigen und kulturellen Lebens um sich versammelte. So entstand eine tiefe Freundschaft zwischen der um 20 Jahre älteren Fürstin und dem von ihr "Dottor Serafico" genannten Schriftsteller.

    Meerraum

    Immer öfter kam der "engelhafte Doktor" Rilke in das am karstigen Fels gelegene Schloss, "das wie ein Vorgebirg menschlichen Daseins mit manchen seiner Fenster in den offenen Meerraum hinausreicht unmittelbar ins All." Duino wurde für den Dichter, der sich in einer persönlichen Krise befand, ein provisorisches und dauerhaftes Asyl, es wurde zu einer "Wolke meines Wesens, fort, fort und in der Entrückung wohnen."

    Im Winter 1911/1912 weilte Rilke allein in Duino, "äußeren Stillstand und innere Bewegung" suchend. Nur wenige Bedienstete waren da. Rilke verwirrte die Köchin mit seinen "vegetarischen Prätentionen", wie der österreichische Journalist und Historiker Ernst Molden es nannte, erschreckte den alten Kammerdiener durch die Gewohnheit, stundenlang auf und ab zu gehen - im Zimmer mit dem Stehpult, Verse skandierend und heftig gestikulierend. Auch nächtens, "wenn der Wind voller Weltenraum".

    Der Dichter klagte zwar über die ausbleibende Inspiration, doch entstand in Duino im Jänner 1912 innerhalb einer Woche der Gedichtzyklus "Marien-Leben", für Rilke "eine ganz ganz kleine Sache". Vermutlich am 21. Jänner floh der Gast des Schlosses, davon geplagt, einen Geschäftsbrief beantworten zu müssen, ins Freie. Eine heftige Bora blies, die Sonne schien, das Meer war leuchtend blau und wie mit Silber übersponnen. Da war es ihm, als ob im Brausen des Sturmes eine Stimme ihm zurief: "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?"

    Rilke zückte sein Notizbuch, schrieb diese Worte nieder und weiter: "und gesetzt selbst, es nähme / Einer mich plötzlich ans Herz: Ich verginge von seinem / stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, / den wir noch grade ertragen . . .

    Herz-Werk

    Rilke hatte sein "Herz-Werk" begonnen, seine "Duineser Eelegien", einen der schönsten Gedichtzyklen der Weltliteratur. Rasch hatte er die erste Elegie zu Papier gebracht, im Februar die zweite, Anfänge der neunten, Ansätze der dritten und der sechsten. Dann verließ er Duino, seine Wanderschaft ging weiter.

    Es dauerte zehn Jahre, bis Rilke auf Schloss Muzot im Schweizer Wallis das zehn Gedichte und 853 Zeilen umfassende Werk vollendet hatte: Monologe in reimlosen Versen, vorwiegend verfasst im daktylischen Rhythmus der klassischen Elegie. Doch immerfort dachte er auch dort an das Schloss am Meer.

    Tief betroffen war er gewesen, als die Fürstin ihm 1916 die Nachricht übersandte, dass Duino durch die Kriegsereignisse weitgehend vernichtet sei, was sich in der zehnten Elegie wiederfindet: "Und sie leitet ihn durch die weite Landschaft der Klage, / zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmer / jener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Land / einstens weise beherrscht."

    Erschöpfung

    Und in Erinnerung an das Schloss am Meer schrieb er an seinen Verleger Kippenberg: "Das Ganze soll heißen: Die Duineser Elegien." Erschöpft berichtete er Marie von Thurn und Taxis: "Das Ganze ist Ihr's!". Die Schöpfung der zehnten Elegie war, wie jene der ersten in Duino, "ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist. Alles, was Faser in mir ist und Geweb, hat gekracht. Aber nun ists. Ist. Ist. Amen."

    GERHARD DIENES

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