Bis zum letzten Funken Hoffnung
Josef E. Köpplinger zeigt am Stadttheater Klagenfurt eine drastisch-fulminante "West Side Story".

Foto © BauerDarstellerisch und tänzerisch überzeugend: das Ensemble der "West Side Story"-Produktion am Stadttheater Klagenfurt
Es beginnt ganz harmlos mit einem Gerangel. Aber schon bald sprechen die Fäuste, Messer blitzen auf, das Blut fließt: Schon zur Ouvertüre die erste brutale Massenschlägerei. Von Anfang an zeigt Josef Ernst Köpplinger schonungslos, was in Leonhard Bernsteins West Side Story Sache ist: Bandenkriminalität, Rassenkonflikte, Perspektivenlosigkeit und ein erschreckend hohes Aggressionspotential bei Jugendlichen. Auch nach mehr als 50 Jahren (UA 1957 in New York) ist das Musical nach dem Buch von Arthur Laurents (Gesangstexte: Stephen Sondheim) erschreckend aktuell. In seiner letzten Inszenierung am Stadttheater Klagenfurt zeigt der scheidende Intendant, bevor es ihn nach München zieht, fast augengleich wie schon vor gut drei Jahren am Opernhaus Graz, eine heutige, drastische Version des amerikanischen "Romeo und Julia"-Dramas: Hoch im Tempo, präzise in der Personenführung, besonders bei den Kampfszenen der "Jets" und "Sharks", phänomenal mitreißend, exakt und ideenreich in der Choreographie (Ricarda Regina Ludigkeit). Vor allem das Finale erreicht eine Intensität mit Gänsehautcharakter: Wenn Tony in den Armen von Maria erschossen wird und in der Gosse des finsteren Hinterhofes der West Side von Manhattan stirbt, zynischerweise vor einem bunt leuchtenden Schild mit dem Spruch "Jesus saves", und Maria mit der Waffe in der Hand ihre Verzweiflung herausschreit.
Für die schnellen Szenenwechsel genügen die gleichen Kulissen wie in Graz: eine drehbare, von beiden Seiten bespielbare schäbige Ziegelhausfassade mit Eisentreppen sowie hohe Gitterzäune (Rainer Sinell).
Die Dialoge sind auf Deutsch, wobei man sich bei der Übersetzung nicht jener von Marcel Prawy, sondern einer aktualisierten von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald bedient, die sehr bundesdeutsch gefärbt, mit einer intensiven Fäkalsprache angereichert ist und der einige Striche gut getan hätte.
Puertorikanisch
Gesungen wird dagegen auf Englisch. Gleich wie in Graz sind Maria und Tony besetzt: Katja Reichert ist eine anfänglich kindliche, immer mehr an Profil gewinnende, glasklar singende Maria mit gekonnt puertorikanischem Einschlag. Einfühlsam und weich tönt der bubenhafte Tony des Daniel Prohaska. Beide können mit den Hits "Maria" und "Tonight" beeindrucken. Herausragend aus dem exzellent spielenden und tanzenden Ensemble: Anna Montanara als expressive Anita, der Kärntner Peter Lesiak als Riff, ein tänzerisches Bewegungstalent, der auch sängerisch zu punkten vermag sowie die kaum erkennbare Nadine Zeintl als Anybody's, als gekonnt spielender Möchtegern-Bursche, dessen Stimme aber beim Ohrwurm "Somewhere" sehr dünn klingt. Starke Profile zeigen auch Korbinian Arendt als Bernardo, Wolfgang Kraßnitzer als Doc, Erwin Windegger als brutaler Polizeileutnant Schrank sowie Frank Berg als Officer Krupke.
Im Graben fehlt es teils an rhythmisch akzentuierter Prägnanz. Auch an der blechdominanten, die Streicher immer wieder übertönenden Balance sollte man arbeiten. Ansonsten wird Bernsteins hinreißende Musik mit einem Stilmix aus Klassik, Jazz, Rock'n Roll, kubanischer und nordamerikanischer Folklore vom Kärntner Sinfonieorchester unter Peter Marschik mit frischer Energie und intensivem Drive interpretiert.
Features
Zum Stück
West Side Story von L. Bernstein im Stadttheater Klagenfurt.
Weitere, großteils schon ausverkaufte Termine: 31. März, 1., 3., 4., 13., 18., 21., 23., 28. April sowie im Mai.
Karten & Infos: www.stadttheater-klagenfurt.at; 0463-54064.
Wertung: 4 Sterne














