Heldin der Flüchtigkeit
Mit ihrem Romandebüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" unterläuft Olga Grjasnowa alle Konventionen der migrantischen Erzählung.
Mascha liebt Elias, das Leben ist schön. Dann stirbt er nach einem Sportunfall.
Viel Federlesens macht Olga Grjasnowa nicht um den jungen Mann, den man gerade erst als Hauptfigur identifiziert zu haben glaubte. Aber um erzählerische Konventionen schert sich die 27 Jahre alte Autorin in ihrem Romandebüt ohnehin nicht.
Jede Literatursaison braucht ihr Liebkind, dieses Frühjahr geht der Titel an die gebürtige Aserbaidschanerin. Das Feuilleton ist hingerissen, für die NZZ ist Grjasnowas Buch ein "ziemlich hochtouriges Identitätskarrussell", die FAZ erkennt einen "neuen Typus in der Gegenwartsliteratur". Tatsächlich spielt Grjasnowa, 2007 Teilnehmerin des "Klagenfurter Literaturkurses" und bisher vor allem in Zeitschriften und Anthologien präsent, in ihrem Buch nonchalant mit Stereotypen und Identitäten, erzählt von den sozialen und intimen Folgen der Migration, auch vom Davonlaufen, denn nach Elias' Unfall haut Mascha ab nach Israel. Als Elfjährige ist sie (wie die Autorin selbst) aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen, in ihrer Kindheit hat es ein Trauma gegeben, ein Pogrom möglicherweise, aber sie will nicht, "dass ein Genozid nötig ist, um mich zu verstehen."
Die Klischees von der splitterfreudigen migrantischen Identität, vom Leben zwischen den Kulturen - Olga Grjasnowa unterläuft sie allesamt in einem Buch voll Leichtigkeit, voll Witz und Tragik. Dessen Heldin ist eine Abenteurerin, die nach der frühen Erfahrung der Sprachlosigkeit in einem fremden Land nun fünf Sprachen spricht. Aufhalten lässt sich so jemand nicht, Heimat wäre bloß Ballast. Mitreißend, wie Grjasnowa von dieser Heldin der Flüchtigkeit erzählt.















