Das Filmfestival bleibt stark und vielfältig
Sehenswerte Miniatur über ein Paradies der Kunst oder Filme zu Inzest und Pädophilie, zu Gewalt und deren Überwindung, die aufhorchen lassen.

Foto © MÜLLERGeschwisterliebe: Newcomerin Peri Baumeister und
Als große tragische Liebesgeschichte inszeniert Christoph Stark die Beziehung zwischen Georg Trakl und seiner Schwester. Der Inzest ist nicht mutmaßlich, die Thematik trotz des historischen Sittengemäldes zeitlos. Die vier Millionen Euro teure Komposition aus Bildern, Musik und Trakls Gedichten wie "Blutschuld" will kein Biopic sein und mag anfangs wie ein verkopftes Fernsehspiel wirken, wird aber durch die großartigen Darsteller und Bogumil Godfrejows Kamera auf eine emotionale, sinnliche Ebene gehoben.
Tabu - Es ist die Seele . . . ein Fremdes auf Erden. Von Christoph Stark. Samstag, 18.30 Uhr, KIZ Royal.
So starr vor Stille ist es im Kinosaal selten: "Outing" begleitet Sven, der offen von seiner pädosexuellen Neigung erzählt, gegen die er (bisher) therapeutisch erfolgreich angekämpft hat. Dass der Archäologiestudent - jung, sympathisch, eloquent- unserem zurechtgezimmerten Bild von Pädophilen widerspricht, potenziert das Unbehagen. Die Diagonale-Dokumentation mit dem bisher gewagtesten, aber auch spannendsten Thema. Konsequent umgesetzt.
Outing. Von Sebastian Meise/Thomas Reider. Freitag, 15.30 Uhr, UCI Annenhof.
DIAGONALE-LOGBUCH
Gleich werden Sie die Großväter der neuen Literatur sehen", versprach Alfred Kolleritsch (angeblich 81) im Schubertkino. "Na, das is aber sehr voll", freute sich Ferry Radax (angeblich bald 80). Dann zeigte das kreative Faktotum in der ihm gewidmeten Personale neben dem Bilderpuzzle "Am Rand" seine Hommage "Forum Dichter Graz" aus 1967. Wolfgang Bauer (Foto) lässt darin als "Caligula" in seinem Mikrodrama "drohend das Fahrrad klingeln". Kolleritsch macht Gusto auf ein "platonisches Mahl". Klaus Hoffer liest in der Badewanne oder im Schweinestall. Peter Handke beschimpft gar nicht das Publikum, sondern lacht über seinen Text. Beim Laufke pafft Barbara Frischmuth unentwegt Zigaretten, HC Artmann empfiehlt Zungenwurst. Und dazwischen philosophieren die damals noch jungen Großväter und -mütter über Gott und die Welt und - beim Schlammwerfen im Teich - über Vietnam. Ein Jammer, dass das 40-minütige Kleinod nur einmal gezeigt wird. Daher zwei Empfehlungen: Den Film sofort unter Denkmalschutz stellen! Und: ORF, bitte melde dich!
Sie habe an sich eine Dokumentation drehen wollen, verrät Mara Mattuschka nach der Uraufführung ihres Films "QVID TVM" spätnachts im Schubertkino. Als diese scheiterte, trommelte sie Freunde und Familie zusammen, um im ehemaligen Wiener Tanzpalast Gschwandner einen Mikrokosmos fluider Beziehungssysteme zu erstellen: Es geht um Hingabe, um Lust, um das Sehen und die Kunst. Anspielungsreich, visuell barock und dabei "die wohl billigste Produktion des Festivals", sagt Mattuschka. Am Ende stellt sich fast das gesamte Ensemble auf der Bühne vor. Man hat schon weniger herzliche Familientreffen beobachtet.
QVID TVM. Mara Mattuschka mit Reinhard Jud. Heute, Schubert, 18.30 Uhr.
Auf den Recherchen von "Outing" basiert Sebastian Meises behutsamer erster Langfilm "Stillleben". Ein Sohn entdeckt, dass sein Vater pädophil veranlagt ist und Prostituierte beauftragt, die eigene Schwester bzw. Tochter zu imitieren. Unbequeme Kost, offener Ausgang und die intelligente Verhandlung der Frage: Wer ist Schuld? Anja Plaschg alias Soap&Skin steuert den Song "Voyage, Voyage" bei und debütiert auch als Mimin.
Stillleben. Von Sebastian Meise, Freitag 13.30 Uhr, KIZ Royal.
15 Minuten Cornelius Kolig heißen hier 15 Minuten ohne Cornelius Kolig - Sasha Pirkers Kurz-Dokumentation verzichtet überhaupt darauf, den Künstler ins Bild zu rücken, und montiert stattdessen Eindrücke aus dessen 6000 m² großem Gesamtkunstwerk, dem "Paradies" im Kärntner St. Stefan im Gailtal. Der Künstler ist nur als Stimme aus dem Off zu hören. Gelungenes Porträt mit spannendem Ansatz.
Cornelius Kolig - Anleitungen an die Ewigkeit oder/or Don't Fuck with Paradise. Von Sasha Pirker. Samstag, 18.30 Uhr, Schubertkino.
"109 Jahre" möchte Hermes Phettberg alt werden, und man muss sehr fest die Daumen drücken, dass ihm das gelingt. Nach drei Schlaganfällen und einem Herzinfarkt ist der "Publizist und Elende in Wien" ein Schatten seiner selbst, der sich nur mühsam gebückt bewegt und dennoch der Alte ist. Behutsam und berührend zeigt der Berliner Sobo Swobodnik in großartigen Schwarzweiß-Aufnahmen den einsamen Alltag Phettbergs - mit einigen seiner Freunde. 2011 mit dem Max-Ophüls-Preis für die beste Dokumentation ausgezeichnet!
Der Papst ist kein Jeansboy. Von Sobo Swobodnik. Freitag, 16 Uhr, Schubertkino.
Unter der Herrschaft der Roten Khmer starb zwischen 1975 und 1979 knapp ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung, fast zwei Millionen Menschen. Susanne Brandstätters sublimer Film verhandelt ausgehend vom UN-Tribunal gegen den Khmer-Schlächter "Genosse Duch", wie Kambodschas junge Erwachsene mit der grausigen Hypothek von Folter, Hunger, Massenmord heute umgehen. Der Film zeigt anhand dreier Beispiele aber auch die schmerzhaften innerfamiliären Prozesse, die aus Fragen nach der Vergangenheit entstehen und erweist sich bei aller nötigen Konsequenz auch als kleines Wunder der Behutsamkeit.
The Future's Past - Creating Cambodia. Von Susanne Brandstätter. Freitag, 16 Uhr, KIZ Royal.
Junge Mädchen, denen erklärt wird, dass Gewalt nicht legal ist. Kinder, die von ihrer Mama nicht weggebracht werden, als wieder einmal ein toter Jugendlicher auf der Straße liegt: Resignation, Aggression, aber auch Gegenstrategien. Fritz Ofner zeigt in seiner erschütternd direkten Doku, wie allgegenwärtig Gewalt in Guatemala ist, obwohl der Bürgerkrieg vor 16 Jahren zu Ende ging.
Evolution der Gewalt. Von Fritz Ofner. Samstag, 18 Uhr, Annenhof.

















