Großes Wissen und ziemlich starker Tobak
Erwin Riess wirft in seinem neuen Roman "Herr Groll im Schatten der Karawanken" einen kritischen Blick auf Kärntner Verhältnisse.

Foto © KK"Die Gefahr ist eher, dass Österreich verkärntnert": Erwin Riess, Wiener Schriftsteller mit Zweitwohnsitz in Kärnten
Die literarische Figur, der Rollstuhlfahrer Groll, bezeichnet Kärnten als "letzten politischen Jurassic Park Europas". Wie das?
ERWIN RIESS: Grolls Autor hat das Glück, seit fünf Jahren halb in Wien und halb in Kärnten zu leben und sich intensiv mit der Kärntner Gegenwart und Geschichte beschäftigen zu können. Wenn man sich rund um den Wörthersee die Villen und großen Besitzungen anschaut, kommt man auf einen hohen Prozentsatz von arisierten Liegenschaften. Unabhängig davon wirbt das Nobelhotel Villa Rainer, sehr schön am See gelegen, auf seiner Website damit, dass der berüchtigte Bankier Hjalmar Schacht, der den Zweiten Weltkrieg für Hitler finanziert hat, nach dem Krieg dort abgestiegen ist. Das kann keine Dummheit sein, das ist ein eigenes Biotop, die sind noch stolz darauf.
Groll findet Unterlagen über finanzkriminelle Machinationen und ist überzeugt, dass man sich in Kärnten auf Polizei und Justiz nicht verlassen kann.
RIESS: Selbstverständlich. Das wäre ja das erste Herrschaftssystem, das die Polizei und Justiz auslässt. Man braucht nur auf die Golfplätze und zu den Nobelstrandbädern gehen, dort golfen und tafeln sie alle gemeinsam.
Bei der Hypo Alpe Adria hat es Wiederaufnahmen von eingestellten Verfahren gegeben.
RIESS: Wer den Umgang der Kärntner Justiz mit Nazi-Kriegsverbrechen betrachtet, der wird sich nicht wundern, wenn der Hypo-Skandal strafrechtlich folgenlos bleibt. Schuld sind ja immer die anderen, die Bayern, die Wiener, die EU.
Im Epilog des Romans kommt eine große Hoffnungslosigkeit in Bezug auf Kärntner Verhältnisse zum Ausdruck.
RIESS: Das gilt nicht nur für Kärnten. Im Roman heißt es einmal, "Ein Wiener in Kärnten stößt auf Österreich". Wer von außen kommt, dem fallen nun einmal Dinge auf, die keinen Insider mehr stören. Dass der österreichische Nationalsport nicht Skifahren, sondern die Jagd auf Sündenböcke und alles Fremde ist, gilt nicht nur am Wörthersee. Weil ich realistisch bin, sehe ich nicht, wie die Verhältnisse in Kärnten sich ändern sollten. Die Gefahr ist eher, dass Österreich verkärntnert.
Mit welchen Reaktionen auf den Roman rechnen Sie?
RIESS: Ich rechne damit, dass Kärnten schlagartig ein weltoffenes, freundliches und liebenswertes Land wird, in dem die Menschen sich nicht von Angst und Vorurteilen, sondern von Neugier und Empathie leiten lassen. Ein Land, in dem braune Volkstümler und Wirtschaftskriminelle nichts mehr zu sagen haben, ein Land, das Minderheiten als Bereicherung empfindet. Ein wahrhaft schönes Land.
Damit rechnen Sie wirklich?
RIESS: Ich verehre die Koschuta. Daher bin ich felsenfest davon überzeugt.
Erwin Riess: " Herr Groll im Schatten der Karawanken". Otto Müller Verlag, 21 ?. Buchpräsentation: 15. März Buchmesse Leipzig, 20. April, 19 Uhr. Klagenfurt, Interkulturelles Zentrum (gemeinsam mit dem Musil-Institut), Südbahngürtel 24.
Features
Zur Person
Erwin Riess wurde am 13. März 1957 in Wien geboren
Karriere: Studium der Politik- und Theaterwissenschaft. War im Wirtschaftsministerium (Wohnbauforschung)
Seit 1994 freier Schriftsteller. 13 Theaterstücke, in Behindertenbewegung aktiv















