Mit Mut ins eigene Ich
Literatur und bildende Kunst verbinden sich in der Reihe "Passagen". Partnerinnen der aktuellen Ausgabe: Friederike Mayröcker und Claudia Kluari.

Foto © APAFriederike Mayröcker
Als er zum ersten Mal Zeichnungen von Claudia Kluari sah, fielen ihm zunächst "die ausgesprochen poetischen Bildinschriften" auf. Schreibt Autor Günter Eichberger in einem Text über die Arbeiten der Künstlerin. Kein Wunder: die gebürtige Grazerin hat selbst eine poetische Ader, sie entlehnt aber auch gern Zitate bei anderen Autoren. Bei Anselm Glück, Felix Philipp Ingold, Ernst Jandl, Albert Ostermaier. Und immer wieder bei Friederike Mayröcker. Die ihrerseits in Fremdtexten fündig wird und Zitate weiterreicht. An Kluari etwa Jacques Derridas Frage "Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen?"
Naheliegend also, die 43-jährige Avramidis-Schülerin und die Grande Dame der deutschsprachigen Poesie für die Reihe "Passagen" von Akademie Graz und Stadtmuseum Graz zusammenzuführen. Mayröcker war angetan, schrieb auch sogleich einen neuen Text. Aus gesundheitlichen Gründen wird sie ihn bei der heutigen Eröffnung nicht live vortragen, setzte sich aber in ihrer Wiener Wohnung vor die Kamera. Die Video-Lesung ist Teil der Ausstellung.
Ein Hauptkontakt von Zeichnerin und Schriftstellerin ist zweifellos die assoziative Art und Weise des Gestaltens. Hier wie dort entstehen aus Wirklichkeitspartikeln neue Realitäten. Es sind Texte und Bilder von Sehnsüchten, Ängsten, Träumen. Von Freuden und Frustrationen. Von Problemen und Potenzialen, Stimmungen und Schmerzen, nicht nur weiblichen.
Was Mayröcker und Kluari diesbezüglich außerdem verbindet, ist der Mut der Einlassung mit sich selbst, mit eigenen Befindlichkeiten, ohne exhibitionistisch zu sein. Es ist die Methode, dieses Eigene für ästhetische Erfahrungen anderer zu verwandeln, den eigenen Kosmos zugänglich zu machen. Dabei aber vom Leser, Betrachter ebenfalls die Bereitschaft zur Einlassung zu fordern.
"ich sitze nur GRAUSAM da" heißt das druckfrisch vorliegende Buch der 1924 geborenen Büchner-Preisträgerin. Das Umschlagbild ist von Mimmo Paladino. Eine Szene, die (nicht stilistisch, aber inhaltlich) auch von Kluari sein könnte: Mensch und Tier in nicht genau geklärter, ambivalenter Kommunikation.
Man darf annehmen, dass die neue Textsammlung ihren Niederschlag in Bildern von Claudia Kluari finden wird. Wie wäre es gleich damit: "ich tauchte auf am frühen Morgen aus einem spiegelglatten Traum."
Claudia Kluari, Friedrike Mayröcker. Eröffnung: heute, 19 Uhr. Ausstellung bis 29. 4. Stadtmuseum Graz, Sackstraße 18. www.akademie-graz.at
www.stadtmuseumgraz.at















