Rabimmel, Rabammel, Rabumm!
Ein Bühnenereignis, beklemmend und dicht: Roland Schimmelpfennig formt in seinem Stück "Das fliegende Kind" aus einem Einzelschicksal ein Menschheitsdrama.
Da oben, da leuchten keine Sterne. Da unten, da leuchten nicht wir. Es ist eine andere Nacht. Eine Nacht, durch die ein großer schwarzer Wagen fährt "und unsere Kinder holt". Diesmal ist es Peter, sechs Jahre alt, der aus dem Laternenumzug ausschert und zurückläuft, um seinen Matchbox-Mercedes zu suchen, der ihm aus dem Fäustchen geglitten ist. Aber plötzlich sieht er nur noch ein Auto ohne Licht, nicht 1 : 43, sondern 1 : 1. Oder im anderen Maßstab 2,5 Tonnen Metall : 20 Kilo Mensch.
Das ist der Ausgangspunkt von Roland Schimmelpfennigs jüngstem Stück "Das fliegende Kind". Der meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker inszenierte die Uraufführung wieder selbst, wieder am Wiener Akademietheater, wo er schon 2010 mit der Gesellschaftsparabel "Der goldene Drache" einen veritablen Bühnenerfolg landen konnte.
Und auch diesmal gelingt dem 44-jährigen Göttinger ohne großen Aufwand ein kleines Theaterereignis. Eine schwarze Bühnenbox, sechs Stühle, Laternen für das Fest zu Ehren des selbstlosen St. Martin. Später ein fahrender Lautsprecher - das Autoradio, aus dem "Out of Space" von The Prodigy dröhnen, den Anprall überdröhnen wird. Und drei Kirchenglocken, helle Terzen für ein düsteres Requiem.
Die Trümpfe, die Schimmelpfennig auszeichnen, spielt er auch in der Ausstattung von Johannes Schütz geschickt aus: Der deutsche Autor ist ein sensibler Wortkomponist und baut auf die Kunst der Fuge. Hier ein Satzthema, dort die variationsreiche Durchführungen. Und immer wieder, wie im Leben selbst, ||:Wiederholungen:||
Für seine raffinierte Textpartitur hat Schimmelpfennig ein hoch musikalisches Sextett zur Verfügung. In die Rollen der drei Frauen "um die Vierzig"/"um die Fünzig"/"um die Sechzig" schlüpfen wandlungsreich Christiane von Poelnitz, Regina Fritsch und Barbara Petritsch. Peter Knaack, Falk Rockstroh und Johann Adam Oest tun es ihnen als Männer "um die Vierzig"/"um die Fünzig"/"um die Sechzig" kongenial nach. Die imposante Ensembleleistung zeigt sich allein schon, wenn die Schauspieler im Chor in rhythmischer Engführung Figurentext, Kinderreime und Szenenangaben sprechen oder den Theatersaal als Geräuschemacher mit Gurren, Pfeifen und Flirren in einen brasilianischen Regenwald verwandeln.
Denn Dolores da Silva ist in der Stadt, und einem Kindsvater beim Laternenfest hat es nicht nur deren Umweltvortrag angetan. Also steigt er, während seine Frau beim Martinsfest in der Kirche einem anderen Vater schöne Augen macht, in seinen Wagen. Einen großen schwarzen Wagen.
Erstaunlich, wie Schimmelpfennig Alltagsbanalitäten, surreale Szenen oder einen Exkurs zum Large Hadron Collider im Genfer Kernforschungszentrum CERN zu einem dichten Ganzen verwebt, wie er aus einem Einzelschicksal ein beklemmendes Menschheitsdrama formt.
Zuletzt wissen wir: Der stärkste Teilchenbeschleuniger ist das Schicksal. Das Licht geht aus, wir geh'n nach Haus. Rabimmel, Rabammel, Ra . . .!














