"Ich will Klassiker entstauben"
Schauspieler Ben Becker (47), der demnächst mit Dichtkunst in Graz gastiert, spricht im Interview mit der Kleinen Zeitung über Österreich, Attribute wie "Der Unbequeme" und das Fernsehen.

Foto © KKBen Becker
"Die Germanisten sind mein liebstes Publikum, da kann es schon vorkommen, dass ich mich mit ihnen streite", sagt Ben Becker, derzeit mit der Literatur-Performance "Der ewige Brunnen" auf Tour. Der oft als "unbequem" bezeichnete Mime bringt deutsche Lyrik und Balladen aus mehr als 400 Jahren.
Wie kam es zu diesem Programm?
BEN BECKER: Ich wollte einen Abend, mit dem ich tingeln kann, ohne dafür große Requisiten oder eine Rockband zu brauchen. Bei mir steht ja schnell ein Birkenwald oder ein Schiff auf der Bühne. Es sollte einfach sein. Ohne Netz und doppelten Boden. Ich bringe einen Tisch, einen Stuhl und einen Pianisten mit.
Was darf man erwarten?
BECKER: Einen sehr privaten Abend, der viel zulässt. Es kann sein, dass ich bis zu drei Stunden auf der Bühne sitze, ich erzähle zwischendurch, welche Beziehung ich zu der einen oder anderen Geschichte habe. Die Leute dürfen sich auch durchaus etwas wünschen. Manchmal sprechen sie dann sogar mit. Es macht Freude, die Klassiker zu entstauben. Ich will den Spaß daran vermitteln.
Ist das auch ein Ausgleich zu den Engagements, wo man im Ensemble funktionieren muss?
BECKER: Ja! Ich habe 2011 eigentlich nur als Angestellter gearbeitet, also nur als Schauspieler, das macht mich nervös. Irgendwann muss ich eigene Sachen machen, sonst komme ich mir benutzt vor. Ich blühe auf, wenn ich meine Fantasien umsetze.
Den "Tod" in Salzburg geben Sie heuer wirklich zum letzten Mal?
BECKER: Ja, aber es ist auch ein weinendes Auge bei dieser Entscheidung dabei. Ich habe mit dieser Figur viel geschafft. Aber Salzburg und die Festspiele laufen ja nicht weg, ich kann mit anderen Sachen oder einfach privat wiederkommen. Ich habe mich über die Jahre sehr in Österreich und diesen charmanten Alpen-Anarchismus verliebt. Ich fühle mich bei Euch sehr wohl.
Warum verfolgen Sie Attribute wie "Der Unbequeme" oder das "Enfant terrible"?
BECKER: Eine Mär, ich bin es mittlerweile leid, mich dagegen zu wehren. Schublade auf und zu! Ich bin im Umgang und bei der Arbeit unheimlich pflegeleicht. Handfeste, solide Regisseure wissen, dass sie mit mir arbeiten können - ich kann mich über meine Engagements ja auch wirklich nicht beschweren.
In den 80ern und 90ern drehten Sie noch "Der Landarzt" und "Tatort". Wie stehen Sie heute zum Fernsehen?
BECKER: Ich renne ihm nicht hinterher. Dass RTL sich nicht meldet, finde ich nicht schlimm - die haben ja außer dem Dschungelcamp nichts zu vergeben. Und ich weiß nicht, ob ich bei meiner Kunst mit Werbung unterbrochen werden will. Ich drehe zwischendurch einen Kinofilm oder mache etwas Schönes für arte.
Giganten: 3sat, 7. Februar, 16.15 Uhr.
Features
Zur Person
Ben Becker, geboren am 19. 12. 1964 in Bremen.
Karriere: Wirkte schon als Kind in Hörspielen mit, erst Bühnenarbeiter, dann ab 1985 Schauspielunterricht. Durchbruch auf der Leinwand 1995 in "Schlafes Bruder".
Auszeichnungen: u. a. Adolf-Grimme-Preis, Goldene Kamera (für "Comedian Harmonists").
"Der ewige Brunnen": Deutsche Dichtkunst, Graz, Stefaniensaal, 18. Februar, 20 Uhr.
Karten: Tel. (01) 96 0 96.













