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Zuletzt aktualisiert: 02.02.2012 um 05:16 UhrKommentare

"Es gibt sogar Taschen mit diesem Muster"

MMKK-Chefin Christine Wetzlinger-Grundnig über die aktuelle Ausstellung "Reality Shapes" und die Frage, ob sich darin die Künstlerin Melitta Moschik mit fremden Federn schmückt.

Foto © LPD

Noch bis 4. März läuft im Museum Moderner Kunst in Klagenfurt die Ausstellung "Reality Shapes" von Melitta Moschik. Danach übersiedelt die Schau ins Museum der Wahrnehmung nach Graz. Nach Plagiatsvorwürfen von Richard Kriesche, der seine Arbeit "Art_ Chip" in der Moschik-Serie "Gene Expression" wiedererkennt, scheint damit der Streitfall in eine weitere Runde zu gehen. Oder auch nicht. Denn die Einladung zur Konfrontation der beiden Werke hat Kriesche bislang (siehe Brief links) ausgeschlagen. Um etwas Licht in die Causa zu bringen, haben wir MMKK-Chefin Christine Wetzlinger-Grundnig um klärende Worte gebeten.

Richard Kriesche ist verärgert über Melitta Moschik, aber noch mehr über Sie, weil Sie das vermeintliche Plagiat in Ihrem Museum ausstellen. Wie sieht Ihre Rechtfertigung aus?

WETZLINGER-GRUNDNIG: Nach einem Mail von Herrn Kriesche habe ich ihm erklärt, dass ich die besagten zwei Werke aus der Ausstellung nehmen werde, wenn sich sein Vorwurf erhärten sollte. Das war aber nicht der Fall. Ich habe bei der Ausstellungseröffnung trotzdem Kriesches Kritik erwähnt und Frau Moschik dazu Stellung nehmen lassen. Ich hätte gerne sein Werk in die Ausstellung integriert und ihn zu einer Diskussion eingeladen. Ich habe ihm auch eine juristische Prüfung vorgeschlagen. Aber auf all diese Vorschläge wollte Herr Kriesche nicht eingehen.

Warum liegt Ihres Erachtens kein Plagiat vor?

WETZLINGER-GRUNDNIG: Herr Kriesche und Frau Moschik bedienen sich eines farbigen Punktrasters, der keine Erfindung der Kunst ist, sondern aus dem Bereich der Genforschung stammt. Es handelt sich um sogenannte Mikroarrays, auch "Genchips" oder "Biochips" genannt, die Anwendung in der Genom-Analyse und der Diagnostik finden. Wenn Sie bei Google das Stichwort "Mikroarrays" eingeben, dann können Sie dieses Muster runterladen und beliebig verwenden. Es gibt sogar eine Firma, die Taschen mit diesem Muster anbietet.

Das erklärt zwar die formale Ähnlichkeit, aber wie sieht es mit den inhaltlichen Parallelen aus?

WETZLINGER-GRUNDNIG: Kriesche hat das Muster verwendet, um seinen eigenen genetischen Code darzustellen. Moschik geht es nicht um die Repräsentation einer Person, sondern das Muster entstammt anonymisierten diagnostischen Bildern, die für die Künstlerin in erster Linie gestaltete Oberflächen aus der Realität sind und zusätzlich computergrafisch verändert wurden, um auf die unendlich vielen Möglichkeiten der Farbcodierung hinzuweisen. Moschiks Zugang zur Grundlage ist ein anderer als Kriesches. Es ist der Inhalt ein anderer und es ist das Ergebnis in der Umsetzung ein anderes.

Moschik beteuert, das Werk Ihres Kollegen nicht einmal gekannt zu haben, was ihr Kriesche wiederum zum Vorwurf macht. Schließlich sei sie Professorin für Medienkunst in Graz.

WETZLINGER-GRUNDNIG: Es ist heute gar nicht möglich, die gesamte Produktion eines Künstlers zu überblicken. Dass Moschik die im Jahr 2004 entstandene Arbeit ihres Kollegen nicht gekannt hat, ist für mich gesichert. Ich selbst habe sie in der Entstehung des Werkes begleitet. Sie hat die Arbeit mit Professor Christian Gülly von der Medizinischen Universität Graz erarbeitet und der hat auch den Text zum Werk Moschiks für den Katalog geschrieben. Würde es sich um ein Plagiat handeln, wäre eine derart aufwendige Entwicklungsgeschichte wohl überflüssig. Außerdem beschäftigt sich Melitta Moschik bereits seit 1994 mit der Thematik der genetischen Codierung. Das umstrittene Werk ist das jüngste Ergebnis einer jahrelangen kontinuierlichen Beschäftigung, die sich jeweils mit den aktuellsten Standards der Forschung auseinandersetzt.

Spielt es im heutigen Kunstdiskurs überhaupt noch eine Rolle, wer als Erster eine bestimmte Idee hatte bzw. diese als Erster umsetzt?

WETZLINGER-GRUNDNIG: Im Allgemeinen gesprochen, sind Begriffe wie Original, Authentizität und Autorenschaft spätestens seit der Postmoderne infrage gestellt und als obsolet zu betrachten. Und ich finde es bemerkenswert, dass gerade ein Vorreiter der Medienkunst jetzt, bezogen auf die eigene Produktion, wieder mit diesen ausgehebelten Begriffen operiert. Die Künstlerinnen und Künstler greifen seit der Postmoderne beliebig auf vorgegebene Schemata und Prinzipien zurück, um sie weiterzuentwickeln oder zu paraphrasieren. Wir haben erst kürzlich in der Ausstellung "streng geometrisch" vorgeführt, wie Künstler auf Vorlagen der Kunstgeschichte reagieren. Als weiteres Beispiel nehmen Sie Irene Andessner, die bei uns in der Burgkapelle das "Letzte Abendmahl" von da Vinci neu aufgerollt hat. Dabei handelt es sich auch um kein Plagiat, sondern um die zeitgenössische Umsetzung eines bestimmten Themas.

Anfang März übersiedelt die Moschik-Ausstellung ins Grazer Museum der Wahrnehmung. Rechnen Sie mit einer Prolongierung des Streitfalls?

WETZLINGER-GRUNDNIG: Werner Wolf vom Museum der Wahrnehmung war ja auch bei der Eröffnung in Klagenfurt und hat bekundet, dass er die Vorwürfe ebenfalls nicht als stichhaltig erachtet und er wird die Arbeiten ohne jede Einschränkung in Graz ausstellen. Für Herrn Kriesche gilt immer noch mein Angebot, sich einer öffentlichen Diskussion zu stellen.

INTERVIEW: ERWIN HIRTENFELDER

Kriesches Kritik

Aus einem Brief von Richard Kriesche an Werner Wolf, Chef des Museums der Wahrnehmung in Graz, der ihn im Rahmen einer ab März geplanten Moschik-Ausstellung zu "einer Aussprache unter Künstlern" eingeladen hatte:

"Es geht nicht um eine öffentliche Aussprache unter Künstlern, sondern um die Frage, wie man in Zeiten unbeschränkter Informationsströme, der globalen Verfügbarkeit über Informationen, einer Copy und Paste-Internetkultur, Persönlichkeits- und Urheberrechte schützen kann, welche Rolle Kunst- und Kulturinstitutionen dabei in der Veröffentlichung spielen, welche Rückwirkungen die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Informationen auf die Institutionen selbst hat. Wenn es sich, wie im Fall des MMKK, um eine öffentliche Institution handelt, ist dies nicht allein mehr eine künstlerische, sondern eine Kultur-, Medien- und kommunikationspolitische Frage, eine Frage nach dem institutionellen Selbstverständnis. (. . .)

Niemand ist verpflichtet, auch nur eine einzige Arbeit von mir zu kennen, wie es für mich dabei irrelevant ist, ob Frau Moschik in ihrem Studio informiert oder uninformiert ihre Arbeit entwickelt, solange sich die Arbeiten unveröffentlicht in ihrem Studio befinden. Reagieren muss ich allerdings im Fall einer institutionellen Veröffentlichung. Dazu erlaube ich mir anzumerken und dir die Beurteilung zu überlassen: Frau Moschik arbeitet in Graz, versteht sich als Medienkünstlerin, ist Professorin für Medienkunst (FH), hat im Kunsthaus Graz die mehr als dreimonatige Medienkunstausstellung "capital&code" mit ART_CHIP nicht zur Kenntnis genommen, hat zu guter Letzt keine Kenntnis darüber, dass ART_CHIP gemeinsam mit einem ihrer FH-Medienkollegen entwickelt wurde.

Deine Einladung mit einer Arbeit im Rahmen der vorgesehenen Personalausstellung von Frau Moschik präsent zu sein, kann ich aus besagten Gründen nicht nachkommen. Hingegen könntest du an die von dir vorgesehene Leerstelle dieses Schreiben anbringen."

Moschiks Replik

Melitta Moschiks Stellungnahme zum Plagiatsvorwurf ihres Künstlerkollegen Richard Kriesche:

"Da es sich bei den Punktrastern, die ich in meinem interdisziplinären Kunstprojekt GENOME IMAGING als Ausgangspunkt meiner künstlerischen Arbeit verwendet habe, um DNA-Mikroarrays, somit wissenschaftliche Bilder handelt, lässt sich sehr eindeutig nachvollziehen, dass hier kein Plagiat vorliegt. Herr Kriesche verwendet in seinem Werk ebenso besagtes wissenschaftliches Material in einem anderen künstlerischen Kontext. Anhand meiner künstlerischen Projektergebnisse, dem computeranimierten Farbraster auf einem LED-Monitor und den analogen Farbtafeln lässt sich mein Themenfeld, das Erkennen von Farbcodierungen und das Entschlüsseln von Mustern im wissenschaftlichen/künstlerischen Bild, sehr gut nachvollziehen."

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