Über ein totes Kind wächst kein Gras drüber
Der Autor Josef Winkler sagt "Muh" und gratuliert dem Landeshauptmann von Kärnten, Gerhard Dörfler, zum "Silbernen Ehrenzeichen am Bande".

Foto © APA/Eggenberger"Und täglich werden am ohnehin engen Straßenrand 50 Kerzen angezündet"
Als Erstes gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzer Lunge, von ganzer Milz, von den ganzen Nieren und von der ganzen Leber zum "Silbernen Ehrenzeichen am Bande für die Verdienste um die Republik Österreich". Sie haben es wahrlich verdient und trotzdem genommen. Bereits im September 2011 habe ich Ihnen in einer österreichischen Tageszeitung auf drei Großformatseiten einen offenen Brief geschrieben. Es war, wie ich meine, eine ordentlich verbale Herausforderung, die Sie nicht angenommen haben. Sie haben dazu weder "Muh!", geschweige denn "Mah!" gesagt. Diese Post aus Indien für den Kärntner Landeshauptmann, in der ich gegen Korruption, Geldverschwendung, Geldvernichtung und Schmiergeldzahlungen geschrieben habe, ist heute noch im Internet unter dem Titel "Sonnenkönig auf der Bierkiste" nachlesbar.
Ich sage wieder, und man wird es Ihnen noch öfter unter oder über die Nase reiben, wie man so sagt, dass Sie mit Steuergeldern das Autowrack des auf tragische Weise tödlich verunglückten Jörg Haider um 40.000 Euro gekauft haben. Jeder Bürger dieses Landes muss für die Entsorgung eines kaputten Autos bezahlen, während Sie offenbar kein Problem damit haben in die Steuergeldkasse zu greifen und für einen Schrotthaufen 560.000 Schilling hinzublättern.
Sie haben mit Steuergeldern das Grundstück an der Todesstelle gekauft, damit man dort ein Marterl aufstellen konnte, einen kleinen, am engen Straßenrand gar nicht ungefährlichen Privatfriedhof, auf dem heute noch, jeden Morgen, pünktlich um 6 Uhr, über 50 Kerzen angezündet werden. Sie haben auf Steuergeldkosten in der Höhe von 7.000 Euro ein Haider-Denkmal, das aus acht Paar einander schüttelnder Hände zwischen zwei hochgestellten Steinen besteht, in der Nähe des Gurker Doms einbetonieren lassen, eine Kitsch-Skulptur, die nichts anderes als ein Symbol für das "handshake" der Schmiergeldschmutzfinken ist.
Im Botanischen Garten in Klagenfurt, in einem Bergbaumuseum, einem ehemaligen Nazistollen, wurde von den Totenkultpolitikern Ihrer Partei ein Haider-Museum errichtet, das ebenfalls aus Steuergeldern finanziert wurde. 80.000 oder 40.000 Euro soll dieses Museum gekostet haben, keiner weiß genau wie viel, warum soll man sich auch in die goldenen Karten schauen lassen, wenn es um lächerliche Steuergeldbeträge geht, die mir nichts, dir nichts gehören. Das Kärntner Staatsbegräbnis für Jörg Haider hat mit allem Drum und Dran um die 150.000 Euro gekostet. Der luxuriöse Leichenschmaus im Konzerthaus hatte das Niveau eines Staatsbanketts. Allein für Partezettel und Blumenkränze hat man 18.774,79 Euro ausgegeben. Als Jörg Haider noch Landesrat war, sah ich in meinem Heimatdorf ein Wahlkampfplakat, auf dem stand: "Der Jörg, der traut sich was!" Ja, der Jörg, der sich selber einmal als Robin Hood stilisiert hat, um die Mächtigen und Korrupten das Fürchten zu lehren, hat sich wirklich was getraut. Er hat es auch selber angekündigt! Heute wissen wir, dass Jörg Haider der größte politische Bankräuber der Zweiten Republik war. (...)
Erinnern wir uns, obwohl das Gras ständig weiterwächst! Um die Mittagszeit des 15. Oktober 2007, wenige Tage bevor ich mit meiner Familie nach Mexiko reiste zum Diá de los muertos, wurde in Klagenfurt an einer Kreuzung, die seit einem Dreivierteljahr eine Baustelle und nur ein paar Hundert Quadratmeter groß war, ein bei Grün über den Zebrastreifen gehender neunjähriger Bub, der gerade von der Schule kam, von einem Lastwagen überfahren und getötet. (...). Weinend hat der Vater vor seinem auf der Straße liegenden toten Kind gekniet, hat seine schneeweiße Hand gestreichelt und geschrien: "Sie haben meinen einzigen Sohn überfahren!" Vom Omnibus aus, der im Verkehr ins Stocken geraten war, sahen Schulkinder den sterbenden, noch zappelnden Jungen auf dem Asphalt liegen. Ein Arzt, der schnell zur Stelle war, konnte nur mehr den Tod des Buben feststellen. Der Leichenwagen blieb im Stau stecken.
In dem für die Bevölkerung völlig überraschenden Aufgrabungs-, Bau und Asphaltierungswahn für die Fußballeuropameisterschaft gab es auf den Straßen unzählige Hindernisse und Verkehrstafeln, die einem auf Schritt und Tritt begegneten, und so haben die verantwortlichen Straßenbauer, die Sensenmänner von Klagenfurt, schließlich den Tod buchstäblich aus dem Asphalt gestampft, er mußte kommen, und ein Kind musste dran glauben. Über eine Stunde lang soll der tote Bub auf dem Asphalt gelegen haben, bis er in einen provisorischen grauen Zinnsarg gelegt wurde. "Nach diesem Unglück", sagte meine Frau zu mir, die neben meiner vierjährigen Tochter im Flugzeug von Atlanta nach Mexico City saß, "warst du eine Woche lang unansprechbar!". Das Unglück ist schon ein paar Jahre her, aber noch heute wache ich manchmal schweißgebadet und mit heftig schlagendem Herzen in der Nacht auf und sehe dieses mich zu tiefst erschütternde Zappeln des Buben vor mir, seine letzten Todeszuckungen auf dem Asphalt.
Alle maßgeblichen Politiker hatten nur die rechtzeitige Fertigstellung des Stadions im Kopf, das jetzt leer steht, täglich 13.000 Euro kostet, und das auch Udo Jürgens einen "Klotz am Bein" der Stadt Klagenfurt genannt hat. Sie, Herr Dörfler, waren damals Landeshauptmannstellvertreter und Verkehrsreferent. Sie hätten politisch dafür sorgen können, dass diese verhältnismäßig kleine Baustelle so schnell wie möglich abgeschlossen wird. Ich mache Sie nicht für den Tod dieses Kindes mitverantwortlich. Ich bin nur nach wie vor der Auffassung, dass den Lenker dieses Lastwagens der Schilderwald irritiert haben könnte, denn wo, außer auf dem Zebrastreifen und bei Grün, sollen denn unsere Kinder sicher über die Straße gehen? Aber Sie sorgen schon für die Sicherheit unserer Kinder, da haben wir keine Zweifel, denn neuerdings sehe ich Sie auf einem Plakat abgebildet mit dem Sprüchlein: "Sichtbar sicher. Sicherheit hat Vorrang." Wie sagte der große ungarische Dichter Peter Ésterházy: "Weißt du, mein lieber Freund, Sätze sagen, das kann ich auch." (...)
Als Sie auf den Tod dieses Kindes angesprochen wurden, sagten Sie in Ihrer weithin bekannten, landläufigen und bescheidenen Ausdrucksweise ganz lapidar: "Das kann überall passieren!" Der Magistrat der Landeshauptstadt Klagenfurt war nicht imstande der Familie des überfahrenen Kindes einen zinsenlosen Kredit für die Begräbniskosten zu gewähren. Nun wissen wir aber, dass das Staatsbegräbnis für Jörg Haider ungefähr 150.000 Euro gekostet hat und man für Totenkult ebenso viel ausgegeben hat, also im Ganzen um die vier Millionen Schilling aus Steuergeldern. Und jetzt denken Sie auch noch daran, Jörg Haiders Totenwagen um 100.000 Euro zu verkaufen. Was soll denn das heißen? Ist es eine menschlich-moralisch-pietätvolle Wiedergutmachung beim Steuerzahler mit dem Vorwand sozialer Zwecklosigkeit? Ich weiß nicht, ob dieser Lastwagen, unter dem der 9jährige - ich weiß es: "lebensfrohe" - Bub gestorben ist, noch existiert oder ob er schon auf einem Autofriedhof gelandet ist, und ich weiß nicht, wieviel denn nun im Vergleich zum prominenten Totenwagen dieser ebenfalls tödliche Lastwagen wert ist. Auch 100.000 Euro? Oder mehr? Oder weniger? Oder gar nichts? Immerhin haben Sie es zustande gebracht, nachdem Egyd Gstättner und ich ein paar Zeichen gegeben haben, an der Unglücksstelle einen kleinen Gedenkstein aufzustellen, der aber das Kind auch nicht von den Toten erwecken konnte. Über ein totes Kind wächst kein Gras drüber. Und wie sagte Billie Holiday: "Es braucht Jahre, bis Gras über eine Sache gewachsen ist, und da kommt dann ein blöder Esel und frißt das Gras wieder ab!"
Genießen Sie das Silberne Ehrenzeichen am Bande um die Verdienste der Republik Österreich. Lassen Sie auch Ihre Parteifreunde, den einen Mölltaler Bauer (mit linksangina Halstuch) und den anderen Mölltaler Bauer (ohne rechtskräftiges Halstuch) herunterbeißen vom ehrwürdigen Keks. Beim kommenden, von Ihnen erfundenen "Ball des Landeshauptmannes", der nichts anderes als ein Selbstbeweihräucherungs-Faschingskrapfen ist, für den Sie 25.000 Euro Steuergeld zur Verfügung stellen wollen, könnten Sie dieses Ehrenzeichen stolz am Oberarm tragen oder um Ihren Hals binden, demnächst schon.
Viel Freude und Erfolg wünsche ich Ihnen weiterhin beim Bieranstechen. Bevor Sie groß in die Politik eingestiegen sind, waren Sie Direktor bei der "Schleppe Brauerei". Auf der unappetitlichen, nach muffeligem Jagdeifer riechenden braunen Hirschlederschürze, die Sie beim Bieranstechen um ihren wohlleiben Bauch schnallen, sieht man immer wieder die Aufschrift "Schleppe Bier". Schleichwerbung nennt man so etwas, Herr Dörfler. So einer sind Sie also! Sie machen auf diese Art und Weise Schleichwerbung für eine Brauerei, in der Sie einst gearbeitet und Ihr Geld verdient haben. Das ist nicht korrupt, das hat nichts mit Korruption zutun, wirklich nicht.
Features
Zur Person
Der Schriftsteller Josef Winkler ist Träger des Österreichischen Staatspreises für Literatur und des Büchner-Preises. Er lebt mit seiner Familie in Klagenfurt














