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Zuletzt aktualisiert: 09.01.2012 um 21:36 UhrKommentare

Wünsche, Väter der Hoffnung

Umfrage unter Künstlern und Organisatoren: Was ist Ihre Kritik an der Kulturpolitik? Was sind Ihre Wünsche an die Kulturpolitik? Hier eine erste Auswahl aus der Flut von Rückmeldungen.

"Jeder träumt von einer Welt, die er sich hat vorgestellt. Schön geformt aus Seifendunst, träumen ist die Welten-Kunst": Bild-Text-Beitrag zum Thema von Künstler Werner Schimpl

Foto © werner-schimpl.at "Jeder träumt von einer Welt, die er sich hat vorgestellt. Schön geformt aus Seifendunst, träumen ist die Welten-Kunst": Bild-Text-Beitrag zum Thema von Künstler Werner Schimpl

ERNST M. BINDER Regisseur, dramagraz dramagraz.mur.at

Als wertkonservativer Noch-immer-Linker eigne ich mich nicht für die Teilnahme an einem Kulturdialog. Ebenso wenig betrachte ich mich als Kulturschaffenden. Seit meinem achten Lebensjahr war klar, dass ich Künstler werden würde. Das bin ich auch geworden. Heute, nach 42 Jahren freiberuflicher Tätigkeit, habe ich mir weder ein Vermögen erwirtschaftet noch habe ich einen Pensionsanspruch. Ich kann nichts mit jenen Kollegen anfangen, die ihr Heil in Buntheit, Jugendlichkeit und breiter Öffentlichkeit suchen. Ich bin so elitär zu versuchen, dem Dasein auf den Grund zu gehen. Die Menschen dort abholen, wo sie sich befinden, hieße, sich dem "Musikantenstadl" anzunähern. Ich bin froh, mehr als eine Kassiererin im Supermarkt zu verdienen, aber eigentlich finde ich das ungerecht. Demut ist wohl das erste Anzeichen von Demenz; - so wie Kunst und Kulturschaffen sich ausschließen und das Wünschen noch nie geholfen hat.

EDITH DRAXL UniT - Verein für Kultur, Graz uni-t.org

Die Förderung ist zu sehr dem Senioritätsprinzip verpflichtet, die Vermischung von sozialen und inhaltlichen Kriterien unproduktiv für die Entwicklung der Kunst. Es gibt zu wenig Wissen um aktuelle künstlerische Entwicklungen, daher wird öfters provinziell gedacht und falsch gewichtet. Das Resultat: GRAZKUNST. Mein Wunsch: Kulturpolitiker, die für die Kunst brennen, die mehr Zeit mit den KünstlerInnen verbringen, sich an deren Arbeits- und Diskussionsprozessen beteiligen und wirkliche Gesprächspartner werden. Investitionen nicht nur ins Bekannte, sondern in eine Kunst, die das Bekannte von morgen sein wird.

MONIKA KLENGEL Theater im Bahnhof, Graz theater-im-bahnhof.com

Die Krise der Kulturpolitik ist Teil der Krise der Politik generell. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass unsere PolitikerInnen uns nicht mehr vertreten, was ihre ureigenste Aufgabe wäre. Ich erlebe zunehmend ein Gegeneinander. Ich vermisse einen Lobbyismus für die Kunst. Das beschränkt sich nicht auf einzelne PolitikerInnen in dieser Stadt, sondern ist ein allgemeines Phänomen der Entfremdung. Man könnte hier sogar zu Recht ein Wort wie Interesselosigkeit in den Mund nehmen. Wir brauchen eine Kulturpolitik, die mit uns KünstlerInnen kämpft und nicht gegen uns und für eine "Kulturbremse" agiert.

ANITA HOFER Vorsitzende der IG Kultur Steiermark igkultur.mur.at

Mit dem Prädikat "Kulturland" oder "Kulturstadt" wird ausgiebig Werbung, Politik und Geld gemacht. Trotzdem gibt es kein klares Bekenntnis zur Kultur seitens der Politik. Ein solches Bekenntnis würde die Kulturpolitik veranlassen, der Bevölkerung die Notwendigkeit der Kultur nahezubringen, und Vorurteilen entgegenwirken. Eine Informationskampagne enthielte etwa Angaben darüber, dass der Anteil der öffentlichen Gelder für Kultur nur 0,9 % der gesamten Ausgaben der Steiermark ausmacht. Und darüber, dass der Kulturbereich um 12% schneller wächst als alle anderen Wirtschaftsbereiche, dass er viele neue Arbeitsplätze schafft und bestehende erhält.

WERNER SCHREMPF Festival "La Strada", Graz lastrada.at

Mehr direkte Verantwortung und Entscheidungswille des jeweiligen Kulturpolitikers. Mehr Weitblick, hinaus über den Fördertopf, weit hinaus über den Tellerrand! Klare Schwerpunktsetzungen und Leitlinien. Gezielte Unterstützung von Kooperationen, Professionalisierungs- und Internationalisierungsprozessen. Stärkung erfolgreicher und zukunftsweisender Initiativen, begleitet durch den Auftrag, sich gemeinsam mit der regionalen Szene zu entwickeln. Nutzung von Synergieeffekten versus Kategorisierung in "groß und klein" oder "frei und etabliert".

MAREN RICHTER Regionale 12, Murau regionale12.at

Problematisch empfinde ich in der Steiermark die Kultur des Gegeneinander-Ausspielens: Hochkultur gegen Freie Szene, Festival gegen Festival, Hardware gegen Software, Stadt gegen Land, Schwarz gegen Rot. Und wie man dadurch Verunsicherung wirksam einsetzt. Verschuldungen wurden weder von der Kunst verursacht, noch darf die Frage "Was bringt's?" gestellt werden. Wenn man die Gießkanne einsetzt, soll man auch zum Blühen bringen wollen. Mein Wunsch wäre, dass man sich wieder auf die Kraft der Kunst besinnt, ihre Qualitäten des Aufrüttelns, der Kritik, des Experiments und ihrer politischen Kraft, ihre Vielfalt und Unabhängigkeit respektiert. Zudem Kulturschaffenden Perspektiven und konstruktive Reibung durch Programmatik bieten.

SUSANNE WEITLANER Kulturverein Pavelhaus, Laafeld pavelhaus.at

Es ist wichtig, auch Kulturinitiativen auf dem Land zu fördern. In den sogenannten Randregionen können somit auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit der Regionale will man Impulse in den Regionen setzen. Wenn sich die Regionale wie das Festival der Regionen in Oberösterreich alle zwei Jahre zu einem Fixpunkt des Kulturprogramms entwickeln würde, wäre dies eine Bereicherung für die Regionen. Kultur soll nicht nur aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Allein an der Anzahl der BesucherInnen soll nicht die Qualität der Produktionen gemessen werden. Positiv zu erwähnen sind die 3-Jahresverträge vom Land, die ein längerfristiges Planen ermöglichen. In Graz sollte man aufhören, den Kulturstadtrat fast jährlich zu wechseln, und sich wieder darauf konzentrieren, eine kontinuierliche Kulturpolitik zu betreiben.

WERNER WOLF Museum der Wahrnehmung, Graz muwa.at

"In der Politik gilt der Erfahrungssatz, dem zufolge ein Vorschlag umso schwerer umzusetzen ist, je einfacher und vernünftiger er klingt". Das sagte Hans Magnus Enzensberger im "Spiegel" zur Altersvorsorge. Er hätte das auch zur Grazer Kulturpolitik sagen können: Literatur, Musik, bildende Kunst und die Medien bilden nichts anderes ab als Wahrnehmung! Mit Verschiebungen im Fokus ergibt das Abbilder von wechselnder Aufmerksamkeit körperlicher und geistiger Arbeit. Das ist für Graz und seine jugendlichen Kulturbesucher eine wichtige Sache. Wichtiger als Preise und Auszeichnungen. Das fördernde Land Steiermark ist da einen Schritt weiter, zumindest was Inhalte und formale Abwicklungen betrifft. Von besonderer Bedeutung ist aber, dass über die Sache öffentlich gestritten werden darf!

JOHANNES RAUCHENBERGER Minoriten Kultur, Graz kultum.at

Was würde ich als Kulturpolitiker anders machen? Der Kulturpolitik wieder Leidenschaft und Autorität zu verleihen. Zunächst würde ich ankündigen, dass ich alle - auch die "Verstaatlichten" - im nächsten Jahr um einige Prozent kürzen wolle. Das frei werdende Geld würde ich nach dem Schock jenen wieder zurückgeben, die deutlich machen könnten, weshalb sie und ihre Projekte unverwechselbar seien. Dann würde ich diese (möglichst mit einem Regierungskollegen, damit dieser meinem vergrößerten Budgetantrag zustimmen würde) besuchen. Später würde ich bitten, mitunter auch öffentlich bei jenen etwas sagen zu dürfen.

GÜNTER EISENHUT Galerie remixx, Graz galerie-remixx.at

Meine Kritik: Das steirische Kulturbudget ist im Vergleich zu anderen Bundesländern zu gering. Mein Vorschlag: selbst verwaltetes Künstlerhaus, Moderation der divergierenden Interessen durch Michi Petrowitsch, der fast alle Künstler kennt, eine Million aus dem ORF-Schilling (vom Joanneum) ins Budget.

JOHANNES SCHRETTLE Theaterautor, Zweite Liga für Kunst und Kultur

es fehlt ein begriff davon, was und wofür kunst in einem gemeinwesen sein soll, weil ein begriff davon fehlt, was ein gemeinwesen, was öffentliche räume überhaupt ausmacht, außer tourismus und konsumangebote. dadurch fehlt auch ein verständnis dafür, dass es kunstprodu-zentInnen mit speziellen kompetenzen, räume und diskurse zu produzieren, gibt, die beamtInnen und politikerInnen naturgemäß nicht haben. mittel und möglichkeiten müssten wesentlich direkter zu diesen produzentInnen gehen, politik von politikerInnen gemacht werden, die sich wirklich dafür interessieren.

Umfrage durchgeführt von Werner Krause, Ernst Naredi-Rainer, Andreas Prückler und Michael Tschida


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