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    Zuletzt aktualisiert: 06.01.2012 um 22:36 UhrKommentare

    Wer Kultur hat und wer nicht

    Marburg, wie es war und ist - die zweitgrößte Stadt Sloweniens zwischen Schein und Sein: Kleine Zeitung-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek erforschte die Kulturhauptstadt Europas 2012.

    Foto © APA

    Erzählungen über Marburg (Maribor) fangen meistens so an, dass es über Marburg gar nicht viel zu erzählen gibt. Sogar Otmar Klipteter muss immer ein bisschen verlegen lächeln, wenn er über das Außergewöhnliche in seiner Heimatstadt Auskunft geben soll. Dabei war er hier vierzig Jahre lang Lokaljournalist. Anderswo mögen seine Kollegen versuchen, noch den grauesten Alltag wie einen immerwährenden Actionfilm zu inszenieren. Nicht so in Marburg. Vielleicht, weil es hier wirklich etwas zu erzählen gibt.

    Ansehen kann man es ihm nicht. Mit seinen 117.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Sloweniens, zeigt sich Marburg dem Besucher als hübsches, ein wenig langweiliges Landstädtchen. Eine Reihe renovierter gotischer Höfe, Stadthäuser für Adel und Klerus zieren die Innenstadt. Auf dem Hauptplatz, zwischen verspielten Gründerzeithäusern, die obligate Mariensäule mit den seltsam verrenkten Barockheiligen. Im Umkreis des Zentrums die Amtsgebäude der österreichischen Zeit, alle brav im Schönbrunner Gelb, vor gepflegten Rasenflächen mit riesigen Platanen. Die Leute hier fallen nicht weiter auf. Vor dem Stadtschloss zwei kleine Glühweinstände mit einer Handvoll weihnachtlicher Zecher, und nachmittags um fünf wird die Fußgängerzone leer statt voll. Nicht einmal Kaufrausch stört die Ruhe. Aber, wie es sich für k. u. k. Kulissen gehört: Es täuscht alles.

    Wer das wirkliche Marburg kennenlernen will, fängt am besten bei Franc Kangler an. Der Mann im karierten Sakko und gestreiften Hemd empfängt Besucher mit gerunzelter Stirn, Kinn nach oben. Zum Gesprächsbeginn gähnt er erst mal kräftig und dreht sich dann für Minuten zum Fernseher um, der permanent läuft. Die Antworten kommen knapp und gelangweilt. Wenn er zuhören muss, hat er mit seiner Nase zu tun, und wenn er etwas unterstreichen will, wird er richtig laut.

    Franc Kangler, 46, ist hier der Bürgermeister. Den Haushalt seiner Stadt hat er kräftig an die Wand gefahren. Der Staatsanwalt ist ihm auf den Fersen. Im Mai musste der ehemalige Polizist mit den Bullenmanieren sogar einen Tag auf die Wache, während seine Ex-Kollegen Computer beschlagnahmten und in seinem Büro in den Akten stöberten. Aber die Leute lieben ihren Rüpel vom Amt: Bei der letzten Wahl voriges Jahr im Herbst, als er längst schon im Feuer stand, holte er hier im ersten Durchgang 50 Prozent. Als die Polizei ihn festnahm, schnellten seine Popularitätswerte weiter nach oben.

    Eine Figur wie Kangler stößt einer Stadt nicht einfach zu. In Marburg herrscht traditionell geistiger Bürgerkrieg. Die streitenden Parteien haben in den letzten hundert Jahren zwar mehrfach gewechselt, die Atmosphäre aber ist geblieben.

    Erst trugen hier Deutsche und Slowenen Meter um Meter ihre "Volkstumskämpfe" aus. Drei Viertel waren vor dem Ersten Weltkrieg in der Stadt deutschsprachig, in den Dörfern herum war es umgekehrt. Schon damals kämpften hier "kultivierte Bürger" gegen "Primitivlinge". Die Slowenen bauten sich, um dem deutschen Stadttheater zu trotzen, ein protziges Kulturzentrum an den Stadtrand, das "Volkshaus". Die Deutschen kauften im Umland slowenische Höfe auf, um die "Sprachinsel Marburg an der Drau" mit dem sprachlichen Festland im Norden zu verbinden. Erfolglos; 1919 verleibten die Slowenen die Stadt dem neuen Staat Jugoslawien ein. Die Zahl der Deutschen sank in kürzester Zeit massiv. Nicht nur durch Aussiedlung: Wer es vor dem Krieg schick gefunden hatte, sich als deutschsprachig zu deklarieren, hob nachher lieber die slowenische Oma hervor. Schon damals zog das Fußvolk vor zu schweigen.

    Zwanzig Jahre später war wieder alles andersherum. "Machen Sie mir dieses Land wieder deutsch!", richtete Adolf Hitler seinem Gauleiter aus. Das gerade noch siegreiche slowenische Bürgertum wurde nach Serbien vertrieben, das Fußvolk "eingedeutscht". Weil die Stadt wieder deutsch war, bombardierten es die Amerikaner. Partisanen gab es hier kaum, sagt der alte Otmar Klipteter, der auch aus seiner Familiengeschichte schöpft. In Marburg traut seit jeher der Nachbar dem Nachbarn nicht.

    Als der Krieg vorbei war, kamen die Kommunisten. Es seien nicht gerade die aufgeklärtesten Vertreter gewesen, die die Partei in Maribor repräsentierten, erzählt Klipteter. Trotzdem sei in der Provinz, etwa bei Veer (Der Abend), der lokalen Tageszeitung, damals mehr möglich gewesen als in Ljubljana. Es war die friedlichste Zeit. Zur Industriestadt hatte Marburg sich schon vor dem Krieg entwickelt. Jetzt kamen ein Lkw- und Panzerbauer-Kombinat, ein großes Wasserkraftwerk und ein Hersteller von Kränen und Schleusen hinzu.

    Die Unabhängigkeit wurde für die Stadt zum Schock. Die Industrie verlor ihren Markt, auch 20 Jahre später liegt die Arbeitslosigkeit bei 15 Prozent. In ganz Slowenien bekämpfen die geistigen Nachfahren der kommunistischen Partisanen und der katholischen Heimwehrleute einander bis heute. Ihr Hass verband sich mit dem Klassengegensatz zwischen Verlierern und Gewinnern der Wende. Und mit dem West-Ost-Gefälle: Das boomende Ljubljana und der ganze Westen sind links, Marburg und der Osten sind rechts. Franc Kangler ist ihr Held.

    Die Gebildeten in Marburg sind wie bei Yin und Yang der weiße Punkt in der schwarzen Hälfte. Sie wählen links und schämen sich für Kangler. Wer von ihnen hier gelandet oder hängen geblieben ist, fühlt sich fehl am Platze, erzählt Witze über den Proleten im Rathaus und schimpft über die "kulturelle Wüste". Ein "lethargischer Hedonismus" herrsche in Marburg, meint der Philosophie-Professor Boris Vezjak, was man mit dümmlicher Lebenslust übersetzen könnte. Als der Bürgermeister abgeführt wurde, sammelte Vezjak Unterschriften für dessen Absetzung. Gerade 150 kamen zusammen. Primo Premzl, der originellste Galerist, hat einmal für die Grünen kandidiert. "Aber was hat das für einen Sinn", meint er resigniert, "wenn jemand ohne abgeschlossene Volksschule genauso eine Stimme" habe wie er selbst. Die Rechten brauchen die Linken, um ihren Neid und ihren Minderwertigkeitskomplex bei ihnen abzuladen. Und die Linken brauchen die Rechten, um sich gut und klug zu fühlen.

    Voneinander lernen kann und will man nicht. Eigentlich hätte Marburg im Kulturhauptstadtjahr ein neues Kulturzentrum bekommen sollen, Kunstmuseum plus Theater. "Und was macht der Kangler?" fragt konsterniert der Galerist, der die Anwälte und Ärzte der Stadt mit Bildern versorgt: "Will es mitten ins Roma-Viertel bauen! Gleich neben den Tattoo-Shop!"

    Primo Premzl kann beruhigt sein: Es wird nichts aus dem Kulturzentrum. Marburg ist pleite.


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