Land der Hämmer, hürdenreich
Von der Last der kostenintensiven Kulturbauten bis zur Regional- und Stadtentwicklung, es gibt immer was zu tun. Die Kulturpolitik hat stets genug offene Baustellen zu betreuen. Eine Auswahl.

Foto © APRund um das Kulturhauptstadtjahr hat sich Graz einiges geleistet: Kunsthaus, Literaturhaus und Kindermuseum
Kulturbauten Ich kaufe mir bei einem Alfa-Händler einen 159er Sportwagon. 29.990 Euro. Wenn ich nicht ganz dumm bin, weiß ich, dass mich das Auto in der Folge weit mehr kostet, außer ich will das schöne Kätzchen nur in der Garage streicheln und nie mehr benutzen.
Ähnliches fällt einem ein, wenn sich immer wieder das Jammertal um die Kosten von Kulturbauten auftut. Rund um das Kulturhauptstadtjahr 2003 hat sich ja Graz einiges geleistet - vom Kunsthaus über das Literaturhaus bis zum Kindermuseum. Helmut Strobl, der letzte Marathonläufer vor den kurzatmigen Sprintern unter den Grazer Kulturstadträten, sprach in einem frischen Interview im "Falter" kürzlich genau dieses Problemfeld an. Und Alfred Kolleritsch habe ihm 2003 zugeflüstert: "Du, Helmut, ist das nicht alles etwas zu groß für uns?" "Das" meinte die geldfressende Infrastruktur, die wenig Reserven für die kulturellen Inhalte überlasse.
Manche würden sich wohl wünschen, dass etwa das Kunsthaus als hübsche Skulptur stehen bliebe, ohne Ausstellungen, die man sich eh nicht mehr leisten könne. Man stelle sich das auch für Universalmuseum & Co vor: Kulturbauten als Sarkophage. Tote Stadt, nicht von Schiele, sondern von Schildbürgern.
Heute gibt es nichts mehr in Hülle und Fülle. Aber Hülle ohne Fülle? Also soll und muss man über die von der politischen Opposition geforderten alternativen Finanzierungsmodelle immer wieder genauso nachdenken wie über Nutzungsmodelle für die teuren Häuser. "Kunst braucht Raum", plakatieren die Grazer Spielstätten gerade. Intendant Christoph Thoma lebt den "Open house"-Gedanken mit möglichst vielen Netzwerken und Kooperationen nicht nur aus Nettigkeit gegenüber seinen Partnern, sondern natürlich auch aus Eigennutz. Bei Sparflammen muss man eben gemeinsam näher ans Feuer rücken, um sich zu wärmen.
List-Halle "Ein Unternehmer stellt sich ein Denkmal hin - und der Steuerzahler darf's bezahlen", ätzte kürzlich Kurator Peter Weibel öffentlich über die Helmut-List-Halle. Und nicht er allein sieht das so, wenden doch das Land 360.000 Euro und die Stadt 180.000 Euro jährlich für die Halle auf. Das Haus, das seinerzeit beinahe dem steirischen herbst als Betreiber das Genick gebrochen hätte, ist bis heute schwer bespielbar und nur suboptimal ausgelastet; die problematische Lage, hohe Mieten und Konkurrenz wie die Stadthalle tun das Ihre. Ende 2012 läuft der Vertrag mit Stadt und Land aus, die Unternehmerfamilie List hat aber schon angeboten, das Gebäude zu übernehmen. Ätzung Ende.
Stadtentwicklung Welch starke Lokomotive die Kultur ist, sieht man im Mariahilferviertel: Im neu entdeckten Stadtraum rund um das Kunsthaus dampft es ordentlich. Bei Ausweitung der Dampfzone könnte eine Schiene bis zum Schloss Eggenberg entstehen. "Annenviertel!" hieß es ja schon 2010 in einem gesellschaftspolitisch relevanten, (inter-)kulturellen Projekt von Margarethe Makovec und Anton Lederer, paradoxerweise als Bewerbung für die Regionale12. Das Rufzeichen dahinter deutete aber an: Auch Stadtteile können Zukunftsregionen sein, wenn man sie mit Kulturverstand denkt und nicht bloß Technokraten und Immobilienspekulanten überlässt, womöglich bis zum Sanktnimmerleins-tag. Einbindung der Einsiedelei List-Halle, Köpfcheneinsatz gegen die Wüstenei FH-Campus, auf den Reininghaus-Gründen nicht nur netten Onkeln aus Deutschland mit dicken Geldkoffern zuhören! Kultur findet Stadt!
ORF-Kulturschilling Von den landesweiten ORF-Gebühren müssen laut Rundfunkgesetz in der Steiermark 56 % an die Kultur gehen. 2012 sind 23,4 Millionen Euro Gesamteinnahmen veranschlagt, also bleiben der Kultur 13,1 Millionen Euro. Die 56 % splitteten sich bisher in 30 % für reine Kulturfördermaßnahmen auf und in 26 % für Baumaßnahmen im Landesmuseum, im Landesarchiv et cetera. Ab nun ist das völlig anders: Der ORF-"Kulturschilling" ist die nächsten 25 Jahre für die Finanzierung des neuen Joanneumsviertels zweckgebunden. Wenn es den ORF bis ins Jahr 2036 überhaupt noch gibt, sticheln manche.
Regionale Die Regionale 2012 in Murau erlitt im Vorjahr durch das Landessparpaket als einziges Festival einen drastischen Dämpfer: Budgethalbierung von vier auf zwei Millionen Euro. Rund 400.000 Euro wurden zur Abfederung bisher nachjustiert, Intendantin Maren Richter und ihr Team schritten zudem zur Selbsthilfe - mit Ausschöpfung von EU-Fördertöpfen und verstärkter Ausschau nach Sponsoren. Leicht haben es die Murauer dennoch nicht. Wie bei den beiden Regionalen in Feldbach (2008) und Liezen (2010) soll nämlich laut Insidern auch jetzt aus den Amtsstuben gern und oft in Entscheidungen eingegriffen und der Intendanz wenig freie Hand gelassen werden. Landesrat Christian Buchmann will sich übrigens "die Regionale in Murau zunächst genau anschauen" und erst dann über ein Weiterleben des biennalen Festivals entscheiden. Sollte er das Totenglöckchen läuten, wird ihn wohl der Verdacht umwehen, eine "rote" Erfindung (von Kurt Flecker) zu Grabe getragen zu haben.
Creative Industries Das Steckenpferd von Christian Buchmann wurde finanziell und werbetechnisch kräftig aufgezäumt, so richtig auf Trab gekommen ist die Kreativwirtschaft aber in der Außenwahrnehmung bei Inhalten und Effizienz bis auf den Ehrentitel "City of Design" für Graz und den Designmonat noch nicht. Das gibt auch der Landesrat selbst zu, "da müssen wir noch viel mehr an Bewusstseinsschärfung und Sichtbarmachung arbeiten".
Kabarettarchiv Das 1999 in Straden gegründete Dokumentationszentrum wurde zuletzt wie ein heißer Erdapfel herumgereicht. Das Mainzer Fasnachtsarchiv und sogar Berlin zeigten Interesse für das österreichische Kulturgut, nur Graz nicht? Auch der Bund stellte sich taub. Nachdem aus einer Eingliederung ins Landesarchiv nichts wurde, gibt es jetzt bei Fortsetzung der mehrjährigen Förderung eine Option auf eine Kooperation mit der Grazer Universitätsbibliothek. Somit könnte auch das Ein-Frau-Kompetenzzentrum Iris Fink gesichert sein.
KSG Für die Kulturszene ist die Kulturservice-Gesellschaft seit deren Gründung 2004 ein innig gehasstes Paralleluniversum. Trotz nachweislicher Leidenschaft und Leistung gerade für ihre Klientel ist aus dem Sorgenkind KSG nie ein Liebkind geworden. Mit nun strenger beauftragter Kernfunktion und der Budgetkürzung von 700.000 Euro im Jahr ist wohl auch die Legitimation der KSG ein weiteres Stück amputiert. Zukunft sieht anders aus.
Politik und Amt Dass Peter Grabensberger in seinem Grazer Kulturamt wegen der vielen Kulturstadträte, die kommen und gehen, bereits eine Drehtür eingebaut hat, ist eine Mär. Der Mann mit dem breiten Buckel und dem festen Handschlag wird von der Szene wie von den politischen Referenten sehr geschätzt. Der Vertrag von Gabriele Russ, seit 2007 Leiterin der Landeskulturabteilung, wurde kürzlich verlängert. Allerdings "unter Vorbehalt", was ahnen lässt: Gute Chemie zwischen Polit- und Amtsbüro riecht anders.
Conclusio Die Kulturpolitiker stadtauf, landab sollten sich angesichts dieser und noch vieler weiterer Baustellen und Hürden schon einmal mit Montur, Hammer und Schaufel bei Hornbach eindecken. Wie heißt's dort so schön? "Es gibt immer was zu tun".
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Fakten
0,9 Prozent des Gesamtbudgets der Steiermark stehen der Kultur zur Verfügung.
13,1 Millionen Euro fließen jährlich aus dem ORF-Kulturschilling in die Kultur. Bis 2036 ist das Geld an der Universal-museum gebunden.
1800 Kulturarbeiter gibt es allein in Graz, davon rund 1000 in der Freien Szene.













