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Zuletzt aktualisiert: 02.01.2012 um 20:46 UhrKommentare

Weg vom Gönnerhaften und der Wehleidigkeit

Michael Grossmann (SPÖ) ist der siebente Grazer Kulturstadtrat im achten Jahr. Er muss nicht nur die Scherben der Diskontinuität in der Kulturpolitik wegräumen, sondern auch wachsende Budgethürden nehmen.

Michael Grossmann (45) ist seit 12. Dezember 2011 Stadtrat für Kultur und Gesundheit in Graz

Foto © HoffmannMichael Grossmann (45) ist seit 12. Dezember 2011 Stadtrat für Kultur und Gesundheit in Graz

P olitiker sind wie Windeln: Man sollte sie öfter wechseln - aus dem selben Grund", sagt der deutsche Kabarettist Vince Ebert. Der würde sich wundern, wie Graz ihm folgt: Der siebente Kulturstadtrat im achten Jahr! Um in der Pampers-Sprache zu bleiben: Wie wollen Sie die Kultur in Graz ins Trockene bringen?

MICHAEL GROSSMANN (lacht): Der Vergleich ist hart, aber zugegeben: Wir haben öfter gewechselt als notwendig. Wichtig ist, kulturpolitisch wieder etwas zu wollen, dort Bewegung hineinzubringen, wo vielleicht zu wenig Bewegung ist, Innovatives und Buntes zu stärken. Zudem will ich weg vom Gönnerhaften, wie Subventionen ja öfter erscheinen. Mein Amt soll keine Hoheitsverwaltung sein, Subventionen sind schließlich Investitionen - in Künstler und damit in die Entwicklung einer Gesellschaft.

In der Kunstszene herrscht derzeit der Eindruck vor, sie werde nicht ernst genommen, es fehle das Vertrauen in die Sache und die Menschen. Wie offen ist Ihre Tür?

GROSSMANN: Mein Terminkalender ist schon bis Februar voll, ich versuche, aktiv auf meine neue Klientel zuzugehen. Das ist ja unsere Aufgabe in der Politik, von der ich übrigens den Eindruck leichter Wehleidigkeit habe: Wer, wenn nicht die zeitgenössische Kunst, soll uns Versäumnisse aufzeigen, Fehler im politischen Handeln orten, Finger in Wunden legen? Es ist eine Verpflichtung für uns, Bedingungen und Entwicklungsszenarien für Verbesserungen zu schaffen. Abschotten ist das falsche Rezept, wir brauchen uns ja gegenseitig.

Der jüngste Evaluierungsbericht zur Kulturförderung der Stadt Graz mit seinen furchtbaren Kürzungen und Widersprüchen trägt ja nicht gerade zur Vertrauensbildung bei. Viele haben die Auswirkungen zudem überhaupt erst aus den Medien erfahren.

GROSSMANN: Der Evaluierungsbericht war im September im Gemeinderat, die Fachbeiräte haben über die Förderansuchen beraten und Empfehlungen ausgesprochen, dann wurden Entscheidungen getroffen. Solche Evaluierungen sind immer umstritten. Jetzt heißt es: Die Politik nimmt sich aus der Verantwortung. Früher hieß es: Willkürliche Entscheidungen! Aber wir haben gelernt: Man muss die Gespräche mit Künstlern und Initiativen noch weit früher suchen, das muss auch die Aufgabe des Evaluierungsteams sein.

Im Evaluierungsbericht stehen auch so Kuriositäten, dass man die Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik (GKP) leicht mit der Interessensvertretung steirischer Kulturinitiativen (IG Kultur) verwechseln könne. Man kann, wenn man will, auch UFO und UNO verwechseln. Oder man sprach der Akademie Graz den Status einer Kultureinrichtung ab, sie sei eine Bildungseinrichtung.

GROSSMANN: Bei der Akademie Graz ist das wirklich unsinnig, das so zu sehen. Ich bekenne mich aber prinzipiell zum aktuellen Evaluierungsbericht. Und es wird von mir auch keinen neuen geben, das wäre reine Geldverschwendung.

Der Evaluierungsbericht wurde zwar auf die Homepage der Stadt Graz gestellt, etliche Passagen sind aber geschwärzt. Schaut ein bissl nach Nordkorea aus.

GROSSMANN: Diese Schwärzungen waren zunächst nicht unser Wunsch, aber da stehen natürlich sehr kritische Anmerkungen des Evaluierungsteams drin. Die schwarzen Balken schützen die Betroffenen vor Imageschäden.

Wie sehen Sie als versierter Unternehmensberater die Verantwortung gegenüber den 1800 Kulturarbeitern in Graz, ein Gros davon in der Freien Szene?

GROSSMANN: Man soll gute, bestehende, etablierte Unternehmen weiterfördern. Derzeit gibt es für 49 Initiativen mittelfristige Verträge. Aber man muss gleichzeitig freie Mittel für neue Projekte offenhalten, auch wenn durch den Konsolidierungsbedarf der Stadt Graz nicht mehr Geld vorhanden ist.

Also budgetäre Flexibilität?

GROSSMANN: Ja, die aber so groß nicht ist, ich verwalte ja das Budget der großen Tanker wie Theaterholding oder Universalmuseum nicht.

Sie sind also nicht viel mehr als ein Durchlauferhitzer?

GROSSMANN (schmunzelt): Nun, das frei verfügbare Budget beträgt 8,9 Millionen, da steckt allerdings auch die ganze Verwaltung drinnen. Für 2012 lässt sich nichts mehr ändern, 2013 haben wir bis zur Gemeinderatswahl ein Budgetprovisorium. Aber, auch wenn ich damit keinen Jubel bei Finanzstadtrat Rüsch auslöse: Nehmen wir den Titel "Kulturstadt" Graz ernst, muss das mittelfristig budgetär seinen Niederschlag finden. Da geht es nicht nur um Umschichtungen, Kultur muss uns insgesamt mehr wert sein, das freie Geld soll in die Freie Szene investiert werden.

Klingt ja sehr optimistisch. In Wahrheit sind Sie als Stadtrat aber in das Sternzeichen des Sparschweins hineingeboren, der Budgetbericht von 2010 spricht von einer Million Euro weniger als 2009. Drei Viertel der Österreicher antworten auf die Frage, wo man zuerst sparen soll: In der Kultur! Warum ist das Image der Kultur so mies im Kulturland Österreich?

GROSSMANN: Es gelingt uns in jüngster Zeit immer schlechter, die Idee aufzuweichen, dass Kultur nur etwas für Eliten sei. Dabei hat es so viel demokratisierte Teilhabe an Kunst noch nie gegeben wie jetzt. Dazu gehört auch jedwede Form von Meinungsfreiheit - auch, etwas grauslich finden zu dürfen. Das soll uns aber nicht davon abhalten, Kunst und Kultur mit Anspruch als etwas zu sehen, das uns weiterbringt. Je offener wird damit umgehen, desto umfassender wird der Kulturbegriff. Oft ist den Menschen der Wert der Kultur für das Zusammenleben ja gar nicht bewusst.

In den 70ern gab es mit dem TiK das erste freie Theater in Graz, heute sind es rund 30 Truppen. Soll man da als Kulturstadtrat zugunsten eines Kulturentwicklungsplans lenken, "genug!" sagen und auf andere Schwerpunkte setzen?

GROSSMANN: Es steht uns Politikern nicht zu, Intendanten zu spielen, wir würden ja auch sofort scheitern . . .

. . . oder mit Wurstsemmeln beworfen werden . . . GROSSMANN: Unser Lenkungsgerät ist, auch wenn man das nicht gern sagt, der Budgetrahmen. Samt Evaluierung und Fachbeiräten schafft das Gesamtkonstrukt die normative Kraft des Faktischen. Aber wenn Sie mich um Lücken fragen: In der bildenden Kunst zum Beispiel dürfen wir uns ruhig noch entwickeln, geeignete Räume sind ein zentrales Thema. Und: Kultur ist ja immer in Bewegung, Entwicklungen muss man sich offen halten, ohne auf kulturpolitische Leitlinien der Stadt 2013 bis 2018 zu vergessen.

Wir könnten jetzt ätzen . . .

GROSSMANN: . . . ja, ja ich weiß schon, was redet der eigentlich von 2013 folgende? (lacht). Ich gebe zu: Meine Zuversicht für das Amt war kleiner zu dem Zeitpunkt, als ich gerufen wurde. Aber ich habe das Gefühl, dass die SPÖ wieder Tritt gefasst hat und das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen kann. Wenn wir Kulturpolitik machen wollen, und das wollen wir, werde ich dem sensiblen Kulturressort gleich viel Platz einräumen wie meinem anderen Ressort, der Gesundheit. Ich bin jedenfalls mit Freude dabei und wünsche es auch für mich, in diesen Bereichen weiterarbeiten zu können.

Ihre sensible Klientel ist vielleicht auch darum so schwierig, weil sie zwar oft gemeinsame Probleme anspricht, aber dann ist meistens doch jeder wieder sich selbst der Nächste, siehe die gut geübte Praxis des Klinkenputzens.

GROSSMANN: Ja, hier gibt es eine Fördervereinbarung, aber dann kommen noch zwei, drei Extra-Ansuchen; das ist unehrlich den anderen gegenüber. Außer, es gibt gemeinsame Initiativen mit ernsthaften Sonderprojekten. Aber man soll niemandem falsche Hoffnungen machen: Geld zum freihändig Vergeben ist derzeit ohnehin nicht da.

Eine solche Initiative gibt es jetzt mit dem Projekt "Zur Lage der bildenden Kunst in Graz", mit dem von 16 Vereinen kulturpolitische Verbesserungen gefordert werden. Ist das die Zukunft: Wenn die Politik versagt, dann bild en wir eine Selbsthilfegruppe?

GROSSMANN: Ich finde das gut, denn jede Einzelinitiative, jeden Einzelkünstler zu hören, ist von der Arbeit und Zeit her ja kaum leistbar. Netzwerke als Leitunternehmen sind für mich zukunftsweisend. Solche Synergie-Projekte ermöglichen es uns Politikern, mit den Verantwortlichen intensiven Kontakt zu pflegen und in die Tiefe zu diskutieren.

INTERVIEW: WERNER KRAUSE, MICHAEL TSCHIDA

Vorgänger

Helmut Strobl (ÖVP), 1985-2001

Siegfried Nagl (ÖVP), 2001-2003

Christian Buchmann (ÖVP), 2003-2005

Werner Miedl (ÖVP), 2005-2008

Wolfgang Riedler (SPÖ), 2008-2010

Karl-Heinz Herper (SPÖ), 2010-2011

Edmund Müller (SPÖ), bis Dezember 2011

Zur Person

Michael Grossmann, geboren 1966 in Leoben.

Absolvent des Lehrganges für Krankenhausmanagement an der WU Wien.

Bundesvorsitzender der Jungen Generation, Büroleiter des Europa-Parlamentsabgeordneten Jörg Leichtfried (2004-2010), Leiter des Renner-Institutes Steiermark (2010/11), zuletzt Unternehmensberater.

Geschieden von Landesrätin Elisabeth Grossmann, mit der er 20 Jahre lang verheiratet war.

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