Egyd Gstättner: Größe bedarf der Distanz
Egyd Gstättner schreibt in seiner neuen Kolumne über die stille Poesie eines aufgelassenen Bankinstituts.
In loser Folge starte ich hier und heute wieder eine kleine Serie mit dem Titel "Meine liebsten leer stehenden Geschäftslokale". Wo Feiern, Events, Galas als mächtige Marketinginstrumente eingesetzt werden, ist es ja fast anheimelnd zu sehen, dass es auf der Welt noch Leere, Öde und Verlassenheit gibt. Folge eins widme ich einer leer stehenden kleinen Bank in dem Neueckbau am Stauderplatz, der dem Ärztehaus vorgelagert ist. Auf dem Plakat an der Glaswand werden Mieter gesucht und gleich darauf hingewiesen, dass die Realität ideal für eine Bank wäre, was also ein Widerspruch in sich ist.
Durch das Glas sieht man in den Schalterraum, der jetzt nackt und leer ist, bis auf den Schalter selbst, hinter dem früher einmal ein Bankbeamter für Geldgeschäfte zur Verfügung gestanden ist. Und auf der Theke selbst kann man noch immer sehr schön lesen: "Bitte Abstand halten". Jetzt ist es gar nicht mehr anders möglich. Natürlich wird jeder Klagenfurter Bürger beim Vorbeispazieren sofort an die Worte der großen Tochter Bachmann denken: "Haltet Abstand!" - und er wird im aufgelassenen Geschäftslokal ein Kulturdenkmal ersten Ranges erblicken - unaufdringlich und hintergründig.
Als Kulturstadtrat könnte man gleich eine Enquete veranstalten und sie mit dem Satz eröffnen: "Größe bedarf der Distanz". Der Satz stammt von Egon Friedell, der auch gesagt hat: Je ferner wir einer Sache stehen, desto tiefer wirkt sie auf uns, desto poetischer erscheint sie uns. Die Vergangenheit ist poetischer als die Gegenwart, die Pflanze poetischer als das Tier, der Unbekannte poetischer als der Bekannte, das Kind poetischer als der Erwachsene, der Tote poetischer als der Lebende. Und die aufgelassene Bank poetischer als die geöffnete, skandalumwitterte . . .
Im Obergeschoß des Bankhauses wohnt übrigens eine Schriftstellerin. Sie ist eingezogen, als die Bank ausgezogen ist. Leider hat sie seit Längerem keine neuen Publikationen vorzuweisen. Als Letztes habe ich eine E-Mail von ihr gelesen, in der stand, dass bei ihr eingebrochen und ein Manuskript gestohlen worden sei. "Haltet Abstand!", hätte man den Einbrechern zurufen sollen! Aber ein Bankhaus, wo nicht in die Bank, sondern bei der Schriftstellerin darüber eingebrochen wird - das gibt's halt nur in der Hauptstadt der Literatur . . .














