Stadtschreiber: "Wir sind ja keine Hofdichter"
Stadtschreiber im Doppelpack: Karsten Krampitz und Peter Wawerzinek über ihren kürzlich erschienenen "Crashkurs Klagenfurt", die Städtische Volksküche und die Stasi-Akte von Jörg Haider.

Foto © Eggenberger
S ie haben mit Ihrem "Crashkurs Klagenfurt" für ein bisschen Aufregung gesorgt. Kann man sich in Klagenfurt wirklich "nur die Kante geben", wie Sie schreiben?
KRAMPITZ: Wir werden jetzt immer auf diesen Satz reduziert, aber man kann in Klagenfurt auch gut essen. Also die Schnitzel bei der Vroni im Theater-Cafe, die sind einfach großartig.
Sie haben auch in der Städtischen Volksküche gegessen.
WAWERZINEK: Ja, das war eine Empfehlung von Karsten. Ich habe zwei Wochen dort gegessen, es gab immer auch Suppe und Salate, sehr gesund. Aber nach zwei Wochen war ich mit dem Programm durch. Und die Volksküche hat ja nur für die Dauer eines Fußball-Spiels geöffnet.
KRAMPITZ: Ja, das Essen ist gut, aber nach eineinhalb Stunden sind alle abgefüttert und es sind gar keine Gespräche möglich.
Ist das in Deutschland anders?
KRAMPITZ: In den Wärmestuben wird nicht nur Essen angeboten, es geht ja nicht nur darum, die Menschen satt zu kriegen. Aber zurück zum Trinken: Ich staune, wie wir auf diesen Satz reduziert werden. Aber ich brauche nur an den "Pumpe" zu denken: Da kann man ein kleines Bier ja gar nicht bestellen. Die Kellnerin hat gesagt: "Warte, bist du Durst hast und dann bestellst du ein großes Bier." Aber für die Leute, die das auf unser Trinkverhalten reduzieren: Wenn es so wäre, dann wäre es auch in Ordnung, denn wenn man als Stadtschreiber die Dunkelkammer, in der man da im Europahaus untergebracht ist, aushalten will, dann muss man fast saufen gehen.
Das Buch trägt den Untertitel "Propaganda und Poesie". Beim Lesen hat man den Eindruck: Sie, Herr Krampitz, sind für die Propaganda und Sie, Herr Wawerzinek, für die Poesie verantwortlich.
WAWERZINEK: Ich denke, dass wir das Prinzip des Briefeschreibens leicht revolutioniert haben, in dem wir sehr diszipliniert bei den jeweiligen Stärken geblieben sind. Karsten, der gelernte Agitator und ich als jemand, der irgendwie noch versucht, dem ganzen Schönheit und Harmonie abzugewinnen. Und das macht sich halt gut: Karsten bietet die Spielfläche, auf der ich den poetischen Kick hinlege. Karsten hat sich ja auch kaum aufweichen lassen.
Und schreibt doch, er sei "Kärnten positiv", also infiziert von der Schönheit des Landes.
KRAMPITZ: Das stimmt auch. Aber wir sind ja keine Hofdichter, sondern Stadtschreiber. Wir lieben dieses Land und die Menschen, aber es gibt auch einige Sachen, die sollten benannt werden.
Also wie ist denn jetzt Ihr Bild von Kärnten?
KRAMPITZ: Wir haben ja dem Buch ein Zitat Heinrich Heine vorausgestellt, und zwar "Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat." Aber wir haben auch über zwei andere nachgedacht, die gut zu Kärnten gepasst hätten, nämlich von Martin Luther "Frösche müssen Störche haben" oder von Hiob "Wen der Herr liebt, den züchtigt er".
Herr Krampitz, auch retour in Berlin hat Kärnten Sie nicht losgelassen: Sie haben die Stasi-Akte von Jörg Haider ausgegraben.
KRAMPITZ: Ich war neugierig. Aber die Stasi hat fast nur Zeitungsartikel gesammelt. Aus der Zeit von Haiders Aufstiegs in den 1980er-Jahren gab es zwar wohl auch Berichte, aber die sind verloren gegangen. Aber es ist interessant, wie knallhart er als rechtsradikal eingestuft worden ist.
Es ist ja auch eine Ironie der Geschichte, dass Sie beiden die einzigen Hypo-Alpe-Adria-Preisträger sind (Anm: in diesen zwei Jahren war die Bank Sponsor des Publikumspreises beim Bachmann-Bewerb).
KRAMPITZ: Wir und Birni. Der Birnbacher hat ja für sechs Seiten unveröffentlichter Literatur auch ein ganz ordentliches Honorar bekommen.
Zurück zum "Crashkurs": Wie ist der Klagenfurter denn nun in Wirklichkeit?
WAWERZINEK: Vielleicht ein bisschen zu freundlich.
Kann man zu freundlich sein?
WAWERZINEK: Na, wenn man zum Beispiel nach dem Weg fragt, bekommt man nicht nur die Wegbeschreibung, sondern auch noch kleine Hinweise, wie man schneller ans Ziel kommt, was man dort machen soll bis hin zum Schreckensschrei: "Was, da willste hin?" In Berlin wird man einfach angegrantelt.
Was vermissen Sie, wenn Sie nicht in Klagenfurt sind?
WAWERZINEK: Also ich vermisse nicht den Wörthersee. Ich bin in den fünf Monaten nicht einmal mit einer Zehe ins Wasser gegangen. Karsten hat ja praktisch Schwimmhäute bekommen. Aber ich suche hiermit noch Freunde, die mich an die Hand nehmen und mit mir baden gehen wollen, vielleicht überwinde ich dann meine Wasserscheu.
KRAMPITZ: Deswegen bist du jetzt Stadtschreiber in Jena, da gibt es kein Meer und keinen See. Mir jedenfalls fehlen die Menschen aus Klagenfurt. Und ich muss sagen: Ich wurde allgemein um die Erfahrung beneidet, weil es hier natürlich schon sehr schön ist.
Was würden Sie Ihrem Nachfolger Thomas Klupp raten, der der nächste Stadtschreiber sein wird?
WAWERZINEK: Sich selber für die Zeit einmal vergessen und um Himmels willen nicht glauben, dass man hier an einem Manuskript weiterarbeiten kann.
Features
Fakten
Peter Wawerzinek. Geb. 1954 in Rostock, lebt in Berlin. 2010 Bachmann- und Publikumspreis für einen Auszug aus dem Roman "Rabenliebe" (Galiani-Verlag, 22.95 Euro). Klagenfurter Stadtschreiber 2011
Karsten Krampitz. Geb. 1969 in Rostock, lebt in Berlin. 2009 Publikumspreis beim Wettlesen, 2010 Klagenfurter Stadtschreiber. Zuletzt "Leben mit und ohne Gott" (Herbig, 18 Euro).
Crashkurs Klagenfurt. Edition Meerauge, 17.90 Euro













