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Zuletzt aktualisiert: 17.12.2011 um 22:23 UhrKommentare

"Ich war auch Teil des Systems, na und?"

Auch wenn er seine Wutbürgerrede als "Satire" bezeichnet: Kabarettist Roland Düringer meint seine Abrechnung mit der Politik ernst. Er empfiehlt den Rückzug in den "eigenen Garten".

Foto ©

Herr Düringer, nach Ihrer "Wutbürgerrede" im ORF-Donnerstalk ist das Publikum aufgesprungen und hat auf Ihre Aufforderung hin "Wir sind wütend! Wir sind wütend!" gerufen. War das abgesprochen?

ROLAND DÜRINGER: Ja. Das funktioniert so bei diesen Sendungen. Wird gewünscht, dass das Publikum reagiert, sagt man das vorher. Die Leute haben mitgetan.

War Ihr Auftritt ernst gemeint?

DÜRINGER: Was ist daran so schwer zu verstehen? Das war keine Rede an die Nation in der ZiB 2, sondern Satire.

Dennoch bewerben Sie als Privatperson das Buch, auf dem die Rede fußt: "Vom Systemtrottel zum Wutbürger" (siehe rechts).

DÜRINGER: Ein sehr gutes Buch.

Die Autoren vertreten ungewöhnliche Positionen. Beklagt wird etwa, dass privater Waffenbesitz in Österreich eingeschränkt ist.

DÜRINGER: Es gibt Gruppen, die dürfen sich bewaffnen: Polizisten oder Privatdetektive. Andere dürfen das nicht. Warum das so ist, wird nie hinterfragt. Aber das Buch ist mit viel Witz geschrieben, es ist absichtlich provokant.

Sie wollen mit den beiden Autoren eine Lebenspraxis aufmachen?

DÜRINGER: Nein. Ich habe bemerkt, dass wir vieles gleich sehen. Es gibt irrsinnig viele Menschen mit einer irrsinnigen Unzufriedenheit. Ich werde versuchen, mit den beiden vor laufender Kamera über bestimmte Dinge zu reden. Das stellen wir dann ins Netz.

Die Autoren glauben "weder an die heutige Demokratie noch an den heutigen Rechtsstaat". Sie empfehlen den Rückzug in den eigenen Garten. Ist das die Lösung?

DÜRINGER: Der Garten ist eine Metapher, wie man das Leben betrachten könnte. In einem Garten gibt es Beete, die man pflegen kann. Man kann sich auf gewisse Beete konzentrieren, muss aber aufpassen, dass andere sie nicht überwuchern. Es gibt das Beet der Liebe, das der Politik, das des Geldes - ein riesiger Acker.

Folgt man der Argumentation, dann hat die Politik ausgedient.

DÜRINGER: Die Politiker haben nicht ausgedient. Sie haben nur unser Vertrauen verloren.

Kennen Sie ein besseres Modell als die westliche Demokratie?

DÜRINGER: Wenn die Gemeinden kleiner wären, dann wäre alles viel durchschaubarer. Macht ein Bürgermeister einen Blödsinn, weiß das bald das ganze Dorf. In einer Europaregierung weiß niemand, wer was macht.

Das sind aber, mit Verlaub, zwei Paar Schuhe. Die EU kann nicht wie ein Dorf geführt werden.

DÜRINGER: Das ist ja das Problem. Noch nie in der Geschichte hat sich jemand um die ganze Welt gekümmert.

Die Alternative hieße: Raus aus der Europäischen Union!

DÜRINGER: Wurscht, ob EU oder nicht. Das Land heißt Europa, das hat viele Länder und das ist auch gut so. Aber es ist nicht gescheit, dass es eine Zentrale gibt. Die Griechen haben eben eine andere Mentalität als die Deutschen.

Geht Griechenland bankrott, betrifft das aber auch Österreich.

DÜRINGER: Und? Was kann die Regierung dagegen machen? Nichts.

Sie beteiligt sich zum Beispiel am Haftungsschirm.

DÜRINGER: Das Geld kommt ja gar nicht bei den Griechen an. Geld ist nichts Reales mehr, das sind nur Punkte am Computer. Man hört, der Microsoft-Gründer Bill Gates habe 18 Milliarden Euro verloren. Nichts hat er verloren! Verlieren kann man eine Uhr oder eine Brieftasche.

Sie empfehlen einen Rückzug ins Private. Aber wie sollen sich globale Probleme lösen lassen, wenn nicht durch globale Intervention?

DÜRINGER: Ich muss auch in meiner kleinen Welt beobachten, was draußen passiert. Wenn ich Entscheidungen treffe, muss ich mich fragen: Was sind die Konsequenzen? Wenn ich eine Daunenjacke kaufe, muss ich wissen, dass die Daunen nicht nur von toten Gänsen kommen, sondern auch von lebenden, die gerupft wurden für meine Daunenjacke. Wenn ich Biosprit tanke und denke, damit tue ich der Umwelt etwas Gutes, muss ich wissen, dass Lebensmittel verbrannt werden, damit ich Autofahren kann.

Sie haben mehrfach erklärt, dass sie von Politik nichts halten, ebenso wenig von privaten Organisationen. All die Menschen, die sich dafür engagieren: Machen sie sich in Ihren Augen lächerlich?

DÜRINGER: Das nicht, aber es ist nicht sinnvoll.

Wie können Einzelne einen Beitrag für die Gesellschaft leisten?

DÜRINGER: Wir sollten uns Gedanken machen über die Menschen, die Schulden haben. Sie glauben, wenn der große Crash kommt, sind ihre Schulden weg. Aber das ist ein Irrtum. Was also kann ich machen? Ich kann mein Geld von der Bank abheben und es all jenen geben, die ich kenne, und die Schulden haben: Nachbarn, Freunden. So können sie ihre Schulden begleichen.

Sie haben mehr als genug Geld auf der Bank, andere nicht.

DÜRINGER: Das muss ja nicht viel Geld sein.

Bis vor einigen Jahren waren sie der prominenteste Werbeträger der Kreditkartenfirma "Visa". Heute beklagen Sie die Konsum-Abhängigkeit. Bereuen Sie ihr damaliges Engagement?

DÜRINGER: Ich war ein Teil von dem System. Na und? Sie haben als Kind in die Windeln geschissen, gell? Reden wir jetzt über die Vergangenheit? Wie viele amerikanische Autos ich einmal gehabt habe? Jetzt ist jetzt.

Was hat Sie denn zum Umdenken bewegt?

DÜRINGER: Mein Leben. Ich habe angefangen, Dinge bewusst wahrzunehmen. Irgendwann hatte ich Erfolg und konnte in der Wiener Stadthalle vor 6000 Leuten spielen. Da hat die Firma Visa gesagt: "Machen Sie Werbung für uns, wir zahlen dafür." Aber das hat mich alles nicht glücklich gemacht, ich habe diese Dinge hinterfragt. Meine heutigen Programme sind etwas ganz anderes als "Benzinbrüder." Der Mensch entwickelt sich, aber man muss dabei größer denken. Man wird nie ein freier Mensch sein, solange man in Geiselhaft ist von Traditionen, politischen Richtungen, Religionen oder was auch immer.

INTERVIEW: WOLFGANG RÖSSLER

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