Best of 2011 oder das Jahr der tollwutfreien Füchse
Zeit nehmen, zurücklehnen, genießen, herumspringen - und aufdrehen: Der Musikgeschmack des Redakteurs darf nun nach Herzenslust gepriesen und verflucht werden. Die subjektiven Jahresbesten, ob Sie wollen oder nicht, von Susanne Rakowitz.

Foto © Surakow
Säkert - Quiet
Bei den Schweden "Säkert!" ist eines definitiv nicht zu erwarten: Viel Lärm um nichts, denn Lärm gibt es hier keinen, aber dafür die feine Kunst, aus wenig Zutaten ganz viel zu machen. Diese Herrschaften machen nur scheinbar unaufgeregte Musik, aber das ist ja auch die hohe Kunst im Musikgeschäft.
Anna Calvi - Suzanne and I
Aber hallo, hallo - der Name des Liedes ist Programm! Und wie auch immer die Interpretationen auch ausfallen mögen, es verhält sich gleich wie mit der Dame selbst und die steckt man auch nicht so einfach in irgendeine Schublade. Und natürlich sollte sie unbedingt den nächsten Bond-Titelsong singen. Und sowieso würde sie herausragend in einen David Lynch-Film passen - allerdings hat dieser ja den düsteren Welten abgeschworen und sucht beim Maharishi-Kult die Erleuchtung. Schade eigentlich.
Fleet Foxes - The Shrine / An Argument
Apropos Erleuchtung, David Lynch könnte es einfacher und kostengünstiger haben - The Shrine / Argument heißt des Rätsels Lösung und durchaus rätselhaft ist auch das Video dazu. Die Herren von Fleet Foxes haben dazu einfach mal acht Minuten und 24 Sekunden hergenommen und ein musikalisches Kaleidoskop eingespielt. Weltklasse!
Woodkid - Iron
Heutzutage muss man ja offenbar ein Tausendsassa und Alleskönner sein - muss alles lernen, muss alles können, darf nirgendwo nur Durchschnitt sein. Wer sich diesem zweifelhaften Dogma unbedingt anschließen möchte, nur zu! Viel Glück und sollten Sie noch kein Vorbild gefunden haben, dann halten Sie sich doch an den Franzosen Yoann Lemoine alias Woodkid. Der gute Mann ist Regisseur, Fotograf, Illustrator und Sänger - sein liebestes Beschäftigungsfeld ist High Fashion. Den Track "Iron" hat er folglich auch nicht für seine Oma geschrieben, sondern als Trailer für das Computerspiel Assassin's Creed: Revelations.
Hella Comet - Westend
Die heimische Formation Hella Comet ist mehr Nebraska als Jamaica, mehr Eisfläche als Blumenwiese, mehr Nebel als Sonnenlicht. "Westend" ist in jedem Fall der Soundtrack für einen frühabendlichen, winterlichen Spaziergang über die Felder. Rein in den Wald und irgendwann stellt man sich die Frage: Wo geht's hier eigentlich wieder raus? Schaurig schön, aber fürchtet euch nicht - (vielleicht) ist ja alles nur im Kopf!
M83 - Midnight City
In den 70ern geboren und in den 80er musikalisch sozialisiert - das sollte als Erklärung mehr als reichen. Wer kein Musikkind der 80er ist, wird das auch nicht verstehen!
Awolnation - Sail
Awolnation bedienen die gute alte Indie-Rock-Schiene - klassisch und ohne viel Drumherum. Doch ganz so Indie ist man im theoretischen Sinne natürlich nicht, wenn man bei Red Bull Records unter Vertrag ist. Aber da hat halt jemand wieder einmal den richtigen Riecher gehabt und ist das ist schließlich auch keine Schande.
Beirut - A Candle's Fire
Eine neue Platte von Beirut lässt sich schlecht ignorieren, aber mit "The Rip Tide" ist ihnen leider nicht der große Wurf gelungen. Schade, aber "A Candle's Fire" spendet immerhin ein bisschen Trost.
Julia Marcell - Matrioszka
Fräulein Julia Marcell hat also ihren zweiten Longplayer vorgelegt und nicht von ungefähr fällt hin und wieder auch der Name Björk - in diesem Sinne wäre allerdings zu hoffen, dass ein mögliches drittes Album weniger in Richtung Markttauglichkeit geht.
Lloyd & Andre 3000 - Dedicated To My Ex
Da gibt es nicht viel zu sagen: Außer, dass dieses Lied meinem Enterich Martin gewidmet ist - der ideale Soundtrack für den Hühnerhof. Und natürlich: Wie sehr kann man eigentlich wie der junge Jackson klingen? UNGLAUBLICH! Und ja, das ist unbestritten ein Lied für jede Weihnachtsfeier, wenn zugeknöpfte Abteilungsleiter nach dem dritten Bier das Hemd aufknöpfen und auf Knien über die Tanzfläche rutschen!
Music for the Masses 2011
Casper - Der Druck steigt/ Blut sehen
Es ist ein offenes Geheimnis: Subkulturelle Musik nimmt gerne gesellschaftliche Strömungen vorweg oder liefert zumindest den nötigen Soundtrack dazu. Die Unruhen im August in England waren nur der High Peak eines jugendlichen Gefühlszustandes, den der deutsche Rapper Casper genau auf den Punkt trifft. Ein kleiner Tipp also für alle Experten und Analytiker - wie wäre es mal mit Klappe halten und zuhören?
Nero - Promises im Skrillex Remix
Sollten Sie es in diesem Jahr geschafft haben, dass Ihnen kein Dubstep-Geschwurbel um die Ohren geflogen ist, dann wohnen Sie vermutlich in Alaska. Der Rest musste sich mit Mickey Mouse-Gequietsche herumschlagen. Der Skrillex-Remix von "Promises" hat demnach nur einen Grund, warum er bei meinen Charts dabei ist: Sollte ich jemals von der Dubstep-Mafia entführt werden, so bitte mich mit Promises foltern, beim Rest - Stichwort: Mickey Mouse-Stimmen - würde ich in Sekunden zu Staub zerfallen.
Die Alben des Jahres 2011
Fleet Foxes - Helpnessnes Blues
Sie wollen auf Knopfdruck in ein eigenes Universum abdriften? Kein Problem, dann vertrauen Sie sich hoffnungsfroh den Fleet Foxes an, diese Herren sind so etwas wie musikalische Stewardessen in fremde Welten. Nicht umsonst heißt eines der Lieder auf der Platte "Sim Sala Bim" - und schon kann man der langweiligen Aufgeregtheit da draußen getrost den Rücken kehren.
Amsterdam Klezmer Band - Katla
Nachdem mich meine beiden Geschwister als Kind mit "Mein Freund der Baum" von Alexandra permanent auf Knopfdruck regelmäßig zum Heulen gebracht haben (Refrain: Mein Freund der Baum ist tot, er starb im frühen Morgenrot), hab ich einen leichten Hang zur Melancholie und das lässt sich vortrefflich mit Klezmer ausleben, denn hier wird auch gleich das Gegengift namens Lebenslust mitgeliefert. Die Amsterdam Klezmer Band kann mit Bravour die gesamt Bandbreite der Gefühlswelt abdecken: Von totaler Melancholie bis hin zum rauschenden Fest. Neben der aktuellen Platte hat die Formation in diesem Jahr auch noch den Soundtrack zur Comicverfilmung von Joann Sfars "Die Katze des Rabbiners" abgeliefert - fabelhaft!















