Das definitive Dutzend: Best of 2011
Zeit nehmen, zurücklehnen, genießen, herumspringen - und aufdrehen: Der Musikgeschmack des Redakteurs darf nun nach Herzenslust gepriesen und verflucht werden. Die subjektiven Jahresbesten, ob Sie wollen oder nicht, von Robert Fröwein.

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Leprous – Waste Of Air
Der absolute Prog-Wahnsinn. Aggressives Shouting, ohrenzerberstende Blastbeat-Stakkatos, vokale Variabilität und dieses unheimlich morbide Horror-Feeling machen "Waste Of Air" zum Wahnsinn für das Wohnzimmer. Am besten laut aufdrehen und die ganze Welt während des Hörens vergessen.
Steven Wilson – Remainder The Black Dog
Der genialste Songwriter der letzten beiden Jahrzehnte hat mit diesem Song die wohl irrwitzigste Psychedelic-Reise seiner Karriere verfasst. Verstörend, betörend und durch sämtliche Gehirnwindungen mäandernd wird hier höchste Post-Hippie-Kunst zelebriert.
Atari Teenage Riot – Collapse Of History
Alec Empire und seinem Techno-Punk-Geschwader gelang heuer ein sensationelles Comebackalbum, dessen Paradesong "Collapse Of History" in Herz, Hirn und Füße geht. Begeistert nicht nur die studentische Hornbrillenfraktion, sondern auch den aufgeschlossenen Arbeiter im Dorfbeisl mit Disco-Tanzfläche.
Forgotten Tomb – Reject Existence
Die Italiener predigen auch in diesem Jahr den gepflegt-epischen Suizid. Die melodischen Aggressionssalven bohren sich tief unter die Haut und verursachen wohliges Frösteln. Und jetzt alle: "Drown into abuse, life is a sore, your body trashed, fucked like a whore, exit purity, welcome corruption, orgasm into the womb of perdition".
Lifelover – Svart Galla
Suizid, die Zweite. Roher, abgestumpfter und depressiver als Forgotten Tomb, haben Lifelover vor ihrem tragischen Ende (nach dem Tod des Sängers) mit "Svart Galla" die eindringlichste Leidenshymne des Jahres geschrieben. Quasi der akustische Vorbote zum rapiden Ende der Schweden.
Mortal Sin – Down In The Pit
Thrash-Metal-Alben gab es im Übermaß, doch ausgerechnet fünf alternde Australier aus der zweiten Genre-Reihe haben mit "Down In The Pit" der großen Konkurrenz (u.a. Megadeth, Anthrax) das Fürchten gelehrt. Die Hymne für jeden, der sich bei Partys gerne den Nacken aushebelt.
Opeth – Slither
Unerheblich davon, dass die Schweden mit ihrem diesjährigen Psychedelic-Rock-Album unzählige Old-School-Fans vergrault haben, brennt einem das schwungvolle "Slither" ein authentisches 1978er Feeling in die Haut. Da wird selbst die Rock-Eminenz Ronnie James Dio freudig in der Gruft steppen.
The Browning – Bloodlust
Dubstep ist DER Trend des neuen Jahrzehnts. Im Hartwurst-Bereich haben die Amis von The Browning diesen Stil bislang am besten mit Stromgitarren und Blastbeats vermischt. "Bloodlust" kann man sich sowohl neben langhaarigen Bombenlegern, als auch zu späterer Stunde im örtlichen Bierzelt durch die Ohren pfeffern.
Toxic Holocaust – Judgement Awaits You
Der alleinunterhaltende Blondschopf Joel Grind hält schon seit Jahren die Fahne im rumpeligen Old-School-Thrash-Bereich hoch. "Judgement Awaits You" besteht nur aus massig Riffs und unverständlichem Gekeife und ist gerade deshalb von bodenständiger Genialität. Was will man auch mehr?
Iron Lamb – Dead Inside
Das schwedische Punk?n?Roll-Kommando Iron Lamb sind so etwas wie die Motörhead ohne Dialyse-Probleme. Dreckig, rotzig und abgrundtief hässlich klingt das urige und bewusst schlecht produzierte "Dead Inside", das mit seinen rockigen Vibes und den coolen Gitarrensolos nur eines will: Allen Trendsettern ins Gesicht spucken.
Tsjuder – Voldsherskeren
Es gibt Lieder, die können kratzen, beißen und verletzen. Die norwegischen Pandabären Tsjuder halten die Flamme des True Norwegian Black Metal der allerübelsten Sorte als eine der letzten ihrer Zunft am Lodern. Viehische Rasereien zaubern Unbedarften Schweißperlen der Angst auf die Stirn.
Vader – Black Velvet And Skulls Of Steel
Mit dem Titel "Akustische Walze des Jahres" dürfen sich die nimmermüden Polen von Vader schmücken. Rollend, schädelspaltend und ungemein tight holzen sich die technisch versierten Perfektionisten durch das Gebälk und beweisen, dass man auch nach fast 30 Jahren noch immer härter werden kann.
Alben des Jahres
Steven Wilson – Grace For Drowning
Ein Doppelalbum für alle Sinne. Zwischen psychedelischen Abfahrten, proggigen Riesentorläufen und völlig aus der Norm gestellten Akustik-Slaloms, baut der britische Soundbastler auch noch Filmscore-Zitate in sein melancholisches Meisterwerk. Himmlisch schön und höllisch schockierend zugleich, findet Wilson den perfekten Spagat zwischen Realität und Fantasie.
Belphegor – Blood Magick Necromance
Die Salzburger Beelzebuben Belphegor rund um Rudelsführer Helmuth waren auch anno 2011 das mit Abstand ekelhafteste Stück Brutalo-Musik. Die Texte zwischen Satan, Sex und Sodomie sind zwar oftmals platt und provokant, doch mit der alles zerberstenden Instrumentierung verteidigen Belphegor zurecht den ersten Platz am heimischen Metal-Thron.
Opeth – Heritage
Vom Meister des Prog-Metal zum Liebhaber psychedelischer Spät-68er-Soundkaskaden ist der schwedische Charmebolzen und Songwriter Mikael Akerfeldt mutiert, der sich mit seinem hippieesken Masterpiece "Heritage" endgültig an King Crimson, Led Zeppelin und Pink Floyd reibt. Da darf auch der bitterböse Black Metaller zu den Räucherstäbchen greifen.
Flop-Album des Jahres
Lou Reed / Metallica – Lulu
Ein abgehalfterter Avantgarde-Rocker paart sich mit der längst abgelaufenen, aber immer noch größten Metalband des Erdenrunds und besingt Inhalte eines Werkes von Frank Wedekind. Alle Beteiligten verlieren bereits vor der Veröffentlichung jeden Funken des hart erarbeiteten Respekts. Völlig zurecht. "Lulu" ist vertonter Sperrmüll, gewürzt mit letztklassigen Ideen und einem nicht vorhandenem Gespür für akustische Tauglichkeit. Verwenden kann man die Platte als Eiskratzer, Untersatz zum Jausnen oder Frisbee-Kompensation für die warme Jahreszeit – nur bitte nicht zum Musikhören!













