Monsieur Magrittes gemalte Mysterien
Die Kleine Zeitung führt sie zu René Magritte (1898 - 1967). In der Albertina Wien wird der große Surrealist in einer opulenten Retrospektive in allen Facetten seiner Kunst gezeigt.
Magritte A bis Z" heißt der Katalog. Eine schlaue, lexikalisch strukturierte Publikation, in der man wirklich viel über den belgischen Surrealisten erfährt. "Magritte A bis Z" wäre auch ein möglicher Titel für die größte Ausstellung, welche die Wiener Albertina je in Szene gesetzt hat. Und schon das will etwas heißen.
Die Koproduktion mit der Tate Liverpool bietet 150 Gemälde und Papierarbeiten, rund 120 Plakate, dazu Objekte, Filme, Bücher, Zeitschriften. Aus mehr als neunzig öffentlichen und privaten Sammlungen kommen die Exponate. Die Liste der Leihgeber reicht vom Königlichen Museum der schönen Künste Antwerpen bis zum Kunsthaus Zürich. Kurz: mehr Magritte war in Österreich noch nie zu sehen. International dürfte nur die Brüsseler Retrospektive 1998, zum 100. Geburtstag des Meister-Surrealisten, noch mehr geboten haben.
Wiederentdeckung
Magritte sei so bekannt, dass man ihn wiederentdecken müsse, meint Christoph Grunenberg, Direktor der Tate Liverpool, der gemeinsam mit Darren Pih und Gisela Fischer die Schau kuratiert hat. Tatsächlich neue Erkenntnisse hat die opulente Präsentation nicht parat. Aber sie zeigt gewissermaßen den ganzen Magritte ab 1925. Ab der Zeit, da sich der Künstler, inspiriert von Giorgio de Chiricos Pittura metafisica, von der abstrakten Kunst abwandte. Eine titellose Mischtechnik auf Papier aus dem genannten Jahr weist diese Einflüsse unübersehbar auf, ist aber doch schon ein "Magritte".
Bis in das Todesjahr 1967 reicht das im Großen und Ganzen chronologisch strukturierte, immer wieder mit der Fülle der Einfälle verblüffende Panorama. Sichtbar wird aber auch das Prinzip der Variation von Motiven, dem Magritte sein Leben lang treu blieb. "L'Idée", "Die Idee", eine Gouache aus dem letzten Lebensjahr, bringt einmal mehr oft erprobte Versatzstücke ins Bild: ein korrekt gekleideter, aber kopfloser Männeroberkörper, über dem ein grüner Apfel schwebt.
Aber es ist kein Best-of-Parcours, dem man folgt. Und das ist erfreulich. Gerade die weniger bekannten Arbeiten machen den Reiz, die Spannung aus. Sie sind es, welche den Blick schärfen, eine Wieder- und Neuentdeckung ermöglichen. Bessere Rahmenbedingungen hätten Magrittes Filmexperimente aus den 1950er-Jahrern verdient. Auf einem Videowall zusammen gepfercht, wird hier vor allem eines erzeugt - Flimmern.
Überwirklichkeit
In Liverpool trug die Retrospektive den Untertitel "The Pleasure Principle", "Das Lustprinzip". In der Stadt Sigmund Freuds verzichtet man darauf. Wohl im Wissen, dass zwar Surrealisten-Papst André Breton viel von den Theorien des Wiener Arztes hielt, Magritte aber nicht: "Kein vernünftiger Mensch glaubt, dass die Psychoanalyse Licht auf die Mysterien der Welt zu werfen vermag."
Magritte griff bei der Erkundung der Geheimnisse der Welt auf die Existenzphilosophie zurück. Die Über-Wirklichkeit seiner Bilder resultiert unmittelbar aus scheinbar banalen Realitäten. Mit diesem Bekenntnis zum Mysterium des "Normalen" geht einher, dass der Künstler Selbstinszenierungs-Exzessen à la Dalí absolut abhold war. Es sei denn, man interpretiert das kleinbürgerliche Leben, an dem Magritte auch als erfolgreicher Kunststar festhielt, als besonders raffinierte Spielart der Exzentrik.
Als höchst stimmige Ergänzung ist die Sammlung surrealistischer Druckgrafik des New Yorker Unternehmers und Gustav Mahler-Spezialisten Gilbert Kaplan zu sehen. Eine prominent bestückte Kollektion mit Werken u. a. von Max Ernst, Salvador Dalí, Joan Miró und Pablo Picasso. Gemeinsam ist den Künstlern eine mehr oder weniger automatistische Arbeitsweise sowie die Beschäftigung mit dem Unwirklichen und Traumhaften.
Magritte. Bis 26. Februar. Surrealismus. Bis 15. Jänner. Albertina Wien. www.albertina.at














