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Zuletzt aktualisiert: 24.11.2011 um 21:00 UhrKommentare

Zwischen Stringtanga und Abwehrkampf

Ist das Landesmuseum frauenfeindlich und ewig gestrig oder nur ein Opfer unterschiedlichster Erwartungen und Notwendigkeiten? Ein Streitgespräch zwischen der Autorin Ute Liepold und Museumsdirektor Erich Wappis.

Streitgespräch im "Kleine"-Newsroom: Erich Wappis, Ute Liepold

Foto © TraussnigStreitgespräch im "Kleine"-Newsroom: Erich Wappis, Ute Liepold

Frau Liepold, was stört Sie an der aktuellen Dessous-Austellung im Kärntner Landesmuseum?

UTE LIEPOLD: Gegen das Ausstellungsthema habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Was mich stört, ist die Bewerbung durch ein Plakat, das ich - und da bin ich nicht alleine - als schlichtweg sexistisch und frauenfeindlich empfinde. Das ist eines Landesmuseums nicht würdig.

ERICH WAPPIS: Das weise ich zurück. Wenn Sie heute durch die Landschaft gehen, dann sehen Sie das hundertmal in viel stärkerer Form. Wenn man sich die Plakate von Benetton anschaut, dann ist unser Plakat doch völlig harmlos. An der Ausstellungsgestaltung haben zum überwiegenden Teil Kolleginnen mitgearbeitet. Das Bild von der Dame ist außerdem von Palmers entnommen.

LIEPOLD: Das ist für mich kein Argument. Palmers hat ja auch ständig mit dem Werberat zu tun. Nur weil es sexistische Werbung gibt, muss eine offizielle Landeseinrichtung nicht noch tiefer in die Sexkiste greifen. Mir ist schon bewusst, dass es höchst problematisch ist, gegen solche Dinge vorzugehen, weil man diese Art der Werbung gewöhnt ist. Da geht es um Sehgewohnheiten. Dass das den Männern ein Plaisir verschafft, das ist schon klar. So wie ein Leserbriefschreiber gemeint hat: Diese Ausstellung ist von Männern für Männer gemacht, was soll denn daran schlecht sein?

WAPPIS: Ich will ja keinen verletzen damit. Aber wenn man von der Freiheit der Kunst spricht, dann müsste man das auch uns zugestehen. Im Übrigen war es nicht unsere Intention, eine Ausstellung für Männer zu machen.

LIEPOLD: Aber das ist doch keine Kunst, sondern nur die pornografische Darstellung eines Frauenkörpers!

WAPPIS: Unter Pornografie verstehe ich etwas anderes. Wir haben ja auch einen nackten Männerkörper daneben, den des Jünglings vom Magdalensberg.

LIEPOLD: (packt einen Werbeprospekt aus). Der Männerkörper ist aber verhüllt. Außer vom Hilfe suchenden Blick kann ich da nicht viel erkennen.

WAPPIS: Dass sich einige davon verletzt fühlen, ist nicht unsere Absicht. Aber in unserer heutigen Darstellungswelt muss man provokant sein, sonst wird man nicht mehr wahrgenommen.

Ist es nicht legitim, dass ein Museum, das seine Subventionen rechtfertigen muss, auch einmal auf Quote macht, um vielleicht mehr Einnahmen zu lukrieren?

LIEPOLD: An sich ja, aber nicht mit sexistischen Inhalten. Die Frage ist: Muss man alles bedienen, was Geld bringt und die Auflagen stärkt? Man muss ja auch einmal darüber nachdenken: Was ist Pornografie, was ist Prostitution? In Skandinavien ist man da schon weiter: Während bei uns noch immer über die Selbstbestimmung von Sexarbeiterinnen diskutiert wird, ist dort die Prostitution längst verboten, Und das ist ganz richtig so, weil es gegen die Menschwürde verstößt, wenn jemand, der mehr Geld hat, den Körper eines anderen Menschen kaufen kann, nur weil diese Person in Not ist.

WAPPIS: Da sind wir ganz d´accord. Sie müssen uns aber trotzdem zugestehen, dass wir in unserer Ausstellung auch versuchen, einen Bewusstseinsprozess in Gang zu setzen. Insofern, dass wir die Unterwäsche vom Erotischen wegbringen und uns auch andere Hintergründe anschauen. Wir haben zum Beispiel eine Gynäkologin als Referentin und bieten für Schulen Workshops an. Zur Problematik des Tragens der Unterwäsche haben wir für Burschen einen Urologen eingeladen, auch Frau Doktor Milesi oder Frau Professor Menschik-Bendele. Heute gehen zu viele schon in jungen Jahren zum Schönheitschirurgen. Diese Dinge wollen wir bewusst machen.

LIEPOLD: Aber doch nicht mit diesem Plakat! Dieser Körper ist ja wie aus der Hand eines Schönheitschirurgen.

Wie sind Sie eigentlich zu den Exponaten für Ihre Ausstellung gekommen?

WAPPIS: Wir haben einerseits die Kärntner und Kärntnerinnen gebeten, dass sie uns unterstützen. Viele haben uns ihre schönsten Unterwäschestücke gegeben, also das Intimste, was es gibt. Das mittelalterliche Prostituiertenkleid sowie andere historische Objekte, die zwei Modeschulen für uns angefertigt haben, ist nach einem Fresko in einer Südtiroler Kirche gestaltet. Es zeigt zwei verschiedene Frauen. Die eine ist die Maria, die andere die sündige Eva im Negligé. Zu der einen schauen einige Freyenthurner hinauf, zur anderen die Bischöfe und Prälaten.

LIEPOLD: Das wäre ein Ansatz, der mir für eine Ausstellung gefallen würde. Diese Zuschreibung des Christentums an die Frauen. Bei Augustinus und den Kirchenvätern geschieht ja diese klassische Spaltung der Frau in Heilige und Hure. Augustinus und Thomas von Aquin haben beide befunden: Die Prostitution ist notwendig, um die christliche Ehegemeinschaft aufrechtzuerhalten, damit die Frau geschützt ist. Damit alles in einem zivilen Rahmen ablaufen kann, braucht es die Prostituierte. Die ist wiederum ausgestoßen von der Gesellschaft und die andere wird in ihrer Sexualität total verklärt und darf nur mehr Kinder gebären und dem Mann zu Dienste sein. Das ist unsere Frauengeschichte und das wäre einmal eine tolle Ausstellung. Wenn ich nur daran denke, was bei Ihnen alles an Material im Archiv liegt.

WAPPIS: Wir haben beispielsweise eine Ausstellung über Philosophinnen, Liebhaberinnen der Weisheit, gemacht. Oder eine über die Frau in der Kunst.

Das viele nackte Fleisch an der Fassade Ihres Museums scheint irgendwie auch die parallel laufende Ausstellung "Fleische(r)slust" mitzubewerben. Ein Zufall?

WAPPIS: Das hat sich so ergeben. Es war nicht geplant, dass die Ausstellung so lange läuft.

War Ihnen die Bordellaffäre des Innungsmeisters im Vorfeld der Ausstellung bekannt?

WAPPIS: Das wusste ich, die Sache hat aber mit dem Landesmuseum nichts zu tun. Er hat uns vor zwei, drei Jahren mit anderen Herren eine Innungstruhe auf den Tisch gestellt und gemeint, wir sollten uns einmal die Dokumente ansehen und sie ordnen. Das ist auch unserer Job als Historiker. Und da haben wir uns gesagt: Warum sollten wir nicht einmal diesen Berufsstand bei uns zeigen? Ich sehe a priori nichts Schlechtes daran, außer man ist Vegetarier.

LIEPOLD: Ich bin keine Vegetarierin und finde das Thema eigentlich legitim. Aber die Ausstellung ist irgendwie merkwürdig, weil sie die Fleischerinnung abfeiert, anstatt auch auf die Problematik der globalen Fleischerzeugung hinzuweisen. Stichwort: Massentierhaltung, Welthunger etc. Stattdessen gibt es einen Werbefilm mit dem Herrn Innungsmeister im Mittelpunkt und eine Präsentation seiner Firma gleich beim Stiegenaufgang. Der Ausstellungstitel allein ist im Zusammenhang mit der Tatsache, dass er eine Bordellbesitzerin schwer verletzt hat, einfach unglaublich provokant.

Kritik gab es zuletzt auch an der Aufarbeitung von historischen Themen durch das Landesmuseum. Oliver Vitouch hat in einem Gastkommentar kritisiert, dass eine Ausstellung ihres Museums zu "90 Jahre Kärntner Volksabstimmung" zu wenig distanziert und kritisch gestaltet war.

WAPPIS: Wir müssen uns der historischen Wahrheit stellen. Es gibt in Kärnten halt eine Festkultur, die immer ähnlich abläuft. Der 10. Oktober war für Kärnten ein identitätsstiftendes Ereignis. Der Teil der Ausstellung, der mit seiner 10.-Oktober-Reminiszenz in der Kritik steht, ist nur ein kleiner. Der viel größere Teil bezieht sich auf die Werdung Österreichs und Kärntens. Da ist sehr vieles kritisch aufgearbeitet. Auch mit kritischen Aussagen von Schriftstellern wie Turrini, Handke oder Bernhard.

LIEPOLD: Ich habe natürlich auch die Rattenausstellung gesehen und das worüber Herr Vitouch spricht, diese Abwehrkampfgeschichte. Und ich habe das Gefühl gehabt, es wird da Propaganda gemacht. Warum muss man den Ortstafelsturm unkommentiert in einer Endlosschleife im Landesmuseum zeigen?

WAPPIS: Weil er historische Realität ist!

LIEPOLD: Aber eine äußerst problematische Realität, für die man sich genieren muss, die ein peinlicher Schandfleck in der Geschichte Kärntens ist. Und dann wird das in einer Endlosschleife gefeiert. Noch dazu in einer offiziellen Institution. Auch bei der Fleischausstellung wird der Aufmarsch der Fleischerinnung am 10. Oktober 1930 gezeigt. Ich würde mir schon wünschen, dass einmal eine andere Aufbereitung der Kärntner Geschichte stattfinden kann, nicht immer wieder diese Heroisierung der Vergangenheit. Mich beklemmt's.

WAPPIS: Unsere Botschaft war aber eine ganz andere. Wir haben zum Beispiel auf der einen Seite den Abwehrkampf mit ein paar Bildern von Hülgerth in Völkermarkt gezeigt und auf der anderen Seite eine Wahlurne und wollten damit sagen, dass Konflikte in unserer Gesellschaft nicht mit der Waffe gelöst werden können, sondern nur mit dem Wahlzettel. Wir haben auch keine deutschtümlerischen Affichierungen gemacht, sondern nur die Propaganda aufgezeigt, wie sie damals stattgefunden hat, sowohl auf Slowenisch als auch auf Deutsch.

LIEPOLD: Es geht doch grundsätzlich darum, dass ein Museum einen Telos zu verfolgen hat. Die Geschichte des Landes soll im Hinblick auf die Zukunft kritisch befragt werden. Stattdessen werden verstaubte Altmännerthemen gezeigt. Die Menschen in diesem Land haben einen geistigen Horizont mit Perspektiven verdient.

Bis in die 1970er-Jahre wurde das Landesmuseum von einstmals eifrigen Nationalsozialisten geführt. Danach folgten ausnahmslos Angehörige von Studentenverbindungen, auch wenn der eine oder andere zusätzlich auch noch Freimauer oder SPÖ-Mitglied war. Würde das einen gewissen männlichen Zugang zu bestimmten Themen erklären?

WAPPIS: Für mich lass ich das nicht gelten. Das mit den Nationalsozialisten war in Kärnten nun einmal so. Das ist Faktum. Ebenso wie die Mitgliedschaften meiner beiden Vorgänger bei einer Burschenschaft. Ich selber bin CVer, aber das heißt noch lange nicht, dass ich frauenfeindlich eingestellt sein muss.

Bisher hatte Ihre Schokolade-Ausstellung die meisten Besucher. Könnten es mit der Dessous-Ausstellung mehr werden?

WAPPIS: Ich nehme an, dass rund 15.000 kommen werden. Aber die schauen sich natürlich auch das übrige Museum an. Insgesamt ist unser Ziel ein modernes Museum. All unsere Bemühungen in den letzten Jahren waren jene, die Akzeptanz des Museums zu heben und auch den politisch Verantwortlichen die Wichtigkeit des Landesmuseums darzulegen. So haben wir versucht, Schritte der Erneuerung des Hauses in die Wege zu leiten, wie etwa die Beheizung des zweiten Stockwerkes. Auch das gehört zur lustvollen Betrachtung einer Ausstellung.

Deshalb also die herzerwärmende Dame auf dem Plakat . . .

LIEPOLD: . . . damit wenigstens den Männern richtig heiß wird.

WAPPIS: Auf eines lege ich Wert: dass wir lernfähig sind. Lernfähigkeit und Respekt gegenüber Andersdenkenden sind mir wichtig. Aber ich kann das Plakat schon aus finanziellen Gründen nicht ändern.

LIEPOLD: Nicht einmal durch ein kleines Nikolo-Manterl?

WAPPIS: Ich kann Ihnen sagen, es gibt Journalisten, die zu mir sogar gesagt haben: Könntet's mir nicht ein Foto ohne den Balken liefern? Aber ich würde Sie gerne einladen, im Landesmuseum einen Vortrag darüber zu halten.

USCHI LOIGGE, ERWIN HIRTENFELDER

Zur Person

Ute Liepold, Mag. Dr. phil., geb. in Bregenz, Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft & Soziologie. Lebt mit Bernd Liepold-Mosser und den gemeinsamen drei Kindern als Autorin und Regisseurin in Klagenfurt.

Erich Wappis (66), Mag. phil., ist gelernter Historiker und hat sich vor allem als Museumspädagoge einen Namen gemacht. Leitet seit 2008 das Kärntner Landesmuseum, das er mit Jahresende verlässt.

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