Bill Ramsey: "Jazz war ja viel mehr als Musik"
Bill Ramsey (80), der GI, der zum Schlagerveteranen wurde, gastiert Anfang Dezember in Villach. Ein Gespräch über seine "Zuckerpuppe", antifaschistischen Jazz und seine "schwarze Stimme".

Foto © APA Auch mit 80 immer noch gut drauf und bestens bei Stimme: Bill Ramsey, Wahlhamburger aus Ohio
Im Jahr 1951 kam er als GI nicht nach Korea, sondern nach Deutschland. "Ich habe hier direkt vom Besetzer auf NATO-Partner gewechselt", lacht Bill Ramsey. Heute lebt der Schlagerveteran, den die "Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe" und der "Wumba-Tumba Schokoladeneisverkäufer" berühmt machten, in Hamburg und scherzt darüber, dass er Wortkombinationen mit 50 nicht "richtig deutsch" sagen kann. Ehe der in den späten 1950er-Jahren auf Schlager umsattelte, verdiente sich Bill Ramsey als Jazzsänger erste Sporen. Nun kehrt der Mann aus Cincinnati mit Wohnsitz in Hamburg immer öfter zu seinen Wurzeln zurück.
Dem jungen Jazzsänger Bill Ramsey machte sogar Ella Fitzgerald Komplimente. Wieso sind Sie zum Schlager gewechselt?
BILL RAMSEY: Tja. Heinz Gietz, mein Produzent. war auch Jazzmusiker. Als Arrangeur hat er sich über Big-Band-Arrangements in die Schlagerszene hineingearbeitet. Gietz war nach dem Krieg der Top-Komponist, schrieb für Caterina Valente, Peter Alexander, das waren damals Spitzenleute. Ich war Student und habe ein bisschen in den amerikanischen Clubs in Frankfurt verdient, aber nicht viel. Also der Gietz hat mich gefragt: Willst eine Platte machen? Ich hatte ja keine Ahnung, was auf mich zukommt.
. . . die Zuckerpuppe . . .
RAMSEY: Ja. Weil er fragte, willst Rock 'n' Roll oder was Lustiges. Und Rock'n'Roll - das war für einen Jazzer damals ein absolutes No-no. Also hab ich gesagt: was Lustiges. Den Rest wissen Sie schon. Schon die dritte Platte im Herbst 1959 war Nummer eins. All diese Lieder waren lustige Kommentare auf momentane Tatsachen.
Trotzdem ist Ihnen damals etwas gelungen, was heute mit dem deutschen Schlager nicht mehr so leicht möglich ist: Sie sind im kollektiven Gedächtnis gelandet. Und zwar bis heute.
RAMSEY: Ein bisschen schon. Ja, das kann man so sagen.
Können Sie die Zuckerpuppe überhaupt noch hören?
RAMSEY: Hin und wieder. Aber etwas muss das immer wieder erklären: Alle meine Schlager sind mit einer Big Band begleitet worden. Wenn ich mit einem Trio oder einem Quartett in einer Jazzveranstaltung singe, dann kann ich diese Titel nicht singen. Weil das klingt falsch. Und die Leute erwarten, dass die Zuckerpuppe so ähnlich wie möglich zur Platte klingt. Das ist okay, aber für mich ist das nach 50 Jahren saulangweilig. Einen Jazzstandard kann ich fünfmal in der Woche singen, das ist immer etwas anderes. Je nachdem, was für Musiker da sind, wie die die Soli spielen und wie man auf die Soli reagiert. Das ist der Reiz.
Sie waren in den 1950er-Jahren in guter Gesellschaft, auch Paul Kuhn und James Last wechselten vom Jazz zum Schlager und zur U-Musik. Glauben Sie, als Jazzsänger wäre eine ähnliche Karriere möglich gewesen?
RAMSEY: Nein. Auf keinen Fall. Damals hätte ich nicht Fumpfmarkfumpfzig (sic!) verdient als Jazzsänger. Ich könnte Ihnen keinen Einzigen nennen, der mit Jazzgesang durchgekommen ist. Die sogenannte Jazzpolizei hat mich nach dem Schlagersingen freilich abgeschrieben. Jazz war ja viel mehr als Musik. Ein Symbol gegen den Antifaschismus. In Amerika war der Übergang zwischen Jazz und Popmusik absolut fließend, insofern hat mir das schon wehgetan, auch weil ich nicht erwartet habe, dass es hier eine solche Grenze gibt.
Ella Fitzgerald schwärmte von Ihrem schwarzem Feeling und meinte "All you got to do is close your eyes". Wie würden Sie Ihre schwarze Stimme beschreiben?
RAMSEY: Oh, ich weiß es nicht. Sehr viel Bluesfeeling, bei gewissen Phrasierungen habe ich auch eine kratzige Stimme. Und meine Idole waren alle schwarz. Am Anfang habe ich die nachgemacht, Nat King Cole und diese Leute, das war mein Milieu.
Wenn man die Titel Ihrer Jazz-CDs anschaut, dann sind das durchwegs sehr bekannte Nummern.
RAMSEY: Zum großen Teil, ja. Ich suche die nicht danach aus, wie bekannt sie sind. Viele gehören ins Great American Songbook und zum Jazz. Das spielen die anderen Musiker auch. Und es gibt ein ganz dickes Paket davon, daraus schöpfe ich mit großer Freude. Auf diese Titel kann man auch wunderbar improvisieren.
Sie sind in nächster Zeit viel unterwegs. Erst in Deutschland, am 7. Dezember in Villach und nächstes Jahr in Wien. Im April waren Sie 80. Wie anstrengend ist so eine Tour für Sie?
RAMSEY: Es ist ein Vergnügen, anstrengend ist das Reisen. Aber wir bremsen. Ich hatte früher 60, 70 Konzerte. Jetzt gebe ich in etwa 15 bis 20, mit schönen Zeiten dazwischen.
Wie erholen Sie sich?
RAMSEY: Ich lese, wir gucken irgendwelche Filme. Im Moment kann ich leider nicht mit dem Hund spazieren gehen, weil mein Knie kaputt ist. Aber wir wohnen in Hamburg mit Blick auf die Elbe und sind einfach restlos mit unserem Zuhause zufrieden.
Laut Ihrer Homepage wollen Sie von der Bühne erst Abschied nehmen, wenn die Stimme nicht mehr will. Am Telefon merkt man nicht, dass Sie älter geworden sind.
RAMSEY: Das ist eine Glücksache und auch ein bisschen hormonell. Die Frauen haben da größere Schwierigkeiten, weil sich in den Wechseljahren die Stimme mehr verändert. Die Caterina Valente, die singt nicht mehr. Die Bibi Jones doch.
Was ist Ihr Lieblingstitel.
RAMSEY: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. Das ist ein Big- Band-Jazzarrangement. Die Leute mochtens und ich auch. Es swingt. Enorm.
Features
Konzert in Villach
Zur Person
Bill Ramsey, geboren am 17. April 1931 in Cincinnati, Ohio (USA).
Karriere: Studium in Yale (Soziologie, Volkswirtschaft); in den 1950ern erste Aufnahmen beim US-Militärsender AFN in Frankfurt, Durchbruch 1957 mit lustigen deutschen Schlagern (Schokoladeneisverkäufer, Souvenirs etc.). Ist seit 1984 Deutscher und lebt mit seiner 4. Frau Petra in Hamburg.
Konzert: Bill Ramsey & Kelag Big Band im Congress Center Villach, 7. 12., 20 Uhr. Karten: Ö-Ticket. Info: 0699/111 77 777.













