Wege in den Untergrund
Porträt einer Landschaft: Der Verein Unikum präsentiert mit "Tiefer Gehen" das sechste "Wander-Reise-Lesebuch"
Vielgestaltig und abwechslungsreich wie die Landschaften des Karst ist auch dessen Klima; das typische und bekannteste Wetterphänomen ist die Bora, der eiskalte nördliche Fallwind: "Mit borino bezeichnen die Triestiner ein laues Lüftchen, borona bedeutet hingegen Sturm. Wird die Bora von heftigen Windstößen begleitet heißt sie reffoli. Die bora scura bringt Regen und trübe Sicht, der borasco Gewitter und die bora chiara Sonnenschein."
"Tiefer Gehen" zeichnet das Porträt einer Landschaft, die in Bezug auf die Vegetation, auf das Klima und die Kulturlandschaften, so unterschiedlich ist, dass sie so gar nicht dem im 19. Jahrhundert von Reisenden geprägten Klischee des "kargen Karst" entsprechen will.
Die Autoren verbinden das Erleben der Natur in mehr als hundert Ortsporträts mit zahlreichen "tiefer-gehenden" Einblicken in die Geschichte und die Alltagskultur der Region. Dabei wird aber auch die Zeitgeschichte nicht ausgespart, die mörderischen Schlachten im Ersten und die Leiden der Zivilbevölkerung unter der NS-Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Den Massenmorden an den Kollaborateuren nach dem Zusammenbruch der italienischen Besatzung im September 1943 widmet sich ebenfalls ein Beitrag ("Schwarze Löcher").
Die gewaltsamen Versuche zur Italianisierung und Germanisierung der Region hinterließen tiefe mentale Spuren. Der italienische Innenminister etwa gab 1942 die Parole aus: "Das Problem der slowenischen Bevölkerung ist auf folgende Weise zu lösen: 1) durch Vernichtung, 2) durch Umsiedlung und 3) durch Beseitigung gegnerischer Elemente."
Wenig Bekanntes
Touristenattraktionen wie Lipica ("Naturdenkmal Pferd") und Postojna ("Tiefgang") werden ebenso aufgesucht, wie wenig bekannte Orte abseits des Massentourismus. Diese spielen in Reiseführern keine Rolle und sind selbst für die Einheimischen oft "spanische Dörfer", wie Movra ("Ganz. Schön. Einsam.") oder das Dragonja-Tal ("Im Hinterland").
Die literarisch durchaus anspruchsvollen, doch immer unterhaltsamen Landschaftsporträts graben getreu dem Motto "Tiefer Gehen" immer wieder unter der kulturhistorischen, wie der landschaftlichen Oberfläche des Karst. Davon zeugen Überschriften wie "Hohlweltreise", "Tiefgang" oder auch die erwähnten "Schwarze Löcher". Die Autor/innen begeben sich nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich in das Innere der Region, etwa wenn sie in die Höhlenwelt der Adelsberger Grotte/Postojnska jama ("Tiefgang") hinabsteigen, die der berühmte Topograf Valvasor Mitte des 17. Jahrhunderts als Erster beschrieben hatte. Dieser Besuch wird mit einem historischen Exkurs zur Erforschung dieses Höhlensystems ("Hohlweltreise") garniert.














