"Das ist ganz große Kunst"
Starregisseur Werner Herzog entführt sein Publikum mit seinem Dokumentarfilm "Die Höhle der vergessenen Träume" zu den Wandmalereien in der südfranzösischen Chauvet-Höhle.
W as ist das für ein Gefühl, wenn man in der Höhle plötzlich vor so einem Kulturgut steht?
WERNER HERZOG: Unvorbereitet bin ich ja nicht in die Höhle gegangen. Ich kannte Fotos und einen Bildband, war aber trotzdem völlig wie vor dem Kopf geschlagen. Es sieht so aus, als wäre die Höhle gerade verlassen worden, und doch weiß man, es ist 32.000 Jahre her! Dann sieht man die Überreste von Höhlenbären, die vor 20.000 Jahren ausgestorben sind. Auf so einen Anblick kann man niemanden vorbereiten.
Empfanden Sie in diesem Moment Ehrfurcht?
HERZOG: Nein, eingeschüchtert war ich nicht. Es war nur ein ganz großes Staunen, und ich wusste sofort, dieses Staunen muss ich durch einen Film auf mein Publikum übertragen. Das ist gelungen, denn viele Zuschauer sprechen beim Verlassen des Kinos nur noch von der Höhle, die sie gerade gesehen haben und nicht mehr von einem Film. Das finde ich sehr bezeichnend.
Vielleicht liegt es auch an dem 3-D-Effekt?
HERZOG: Das war für mich die einzige Möglichkeit, den Film zu drehen, obwohl ich kein großer Freund von 3-D bin. Aber als ich die Höhle erstmals gesehen hatte, war klar, es muss 3-D sein, weil die Formationen der Höhle so dramatisch sind und die Maler vor über 30.000 Jahren haben das als Ausdrucksform benutzt. So dienen manche Erhebungen in den Wänden als Bauch der Tiere, wodurch ihnen eine erstaunliche Lebendigkeit eingehaucht wird.
Empfanden Sie eine Art Seelenverwandtschaft zu diesen Höhlenmalern von einst?
HERZOG: Das sind Seelenverwandte von uns allen. Hier manifestiert sich bereits der moderne Mensch als Kulturwesen, das Geschichten erzählt, Bilder malt, Figuren schnitzt und Musikinstrumente herstellt. Im Grunde genommen ist dies das erste uns bekannte Zeugnis vom modernen Menschen, der sich sichtbar gemacht hat. Das ist ganz große Kunst.
Sie sind auch Erzähler dieses Films. Lag Ihnen das besonders am Herzen?
HERZOG: Ich schreibe immer meine eigenen Kommentare und möchte sie dann auch immer selber sprechen, weil das mehr Glaubwürdigkeit bekommt, als wenn ich die Worte einem anderen Sprecher in den Mund legen würde. In der englischen und deutschen Version spreche ich selber, aber für die französische Fassung holte ich mir meinen sehr lieben Freund und Kollegen Volker Schlöndorff, nicht nur weil er die Sprache besser spricht, sondern weil er durch seine Filme eine glaubwürdige Figur für die Franzosen ist.
Ihre sanfte Stimme ist natürlich unverkennbar ...
HERZOG: Das stimmt natürlich schon, aber gleichzeitig bin ich in letzter Zeit häufiger als früher als Darsteller aufgetreten und spiele dabei meist den Bösewicht. Als gemeingefährlicher und niederträchtiger Typ bin ich recht gut auf der Leinwand, und in den letzten Jahren habe ich dadurch auch eine gewisse Berühmtheit erlangt. Im Internet gibt es mindestens zwölf Herzog-Imitatoren, die versuchen, im Englischen mit meinem deutschen Akzent zu sprechen.
Wie finden Sie das?
HERZOG: Das zu sehen, ist sehr bizarr, aber gleichzeitig ist es auch anrührend, dass ich jetzt mit so vielen Doppelgängern dastehe. Ich bin auch in der Zeichentrickserie "Die Simpsons" als die englische Stimme von einem gewissen Walter Hottenhoffer dabei und habe mich jetzt auch für die deutsche Version selbst gesprochen. Anschließend spiele ich an der Seite von Tom Cruise den Bösewicht in "One Shot".
Wie ist Tom Cruise auf Werner Herzog gekommen?
HERZOG: Ja, der wollte mich anscheinend unbedingt dabei haben, Cruise ist ja auch Produzent des Films. Er ist der Auffassung, dass ich einer bin, der gefährlich aussieht, bevor ich überhaupt rede (lacht).
Klar ist aber, dass man Ihren Namen nicht unbedingt mit einem Cruise-Actionfilm und einer Zeichentrickserie in Verbindung bringen würde ...
HERZOG: Um es mal klar zu sagen: Ich habe mich in beiden Fällen nicht darum beworben. Andererseits liebe ich alles, was mit Kino und Film zu tun hat. Insofern kann man es vielleicht verstehen, warum ich einen Vertrag für einen Hollywood-Actionfilm unterschrieben habe. Ich hätte es auch nicht getan, wenn ich nicht wüsste, dass ich in gemeingefährlichen Rollen bisher immer ganz gut war. Es wird aber kein deutscher Schurke sein, so viel darf ich schon verraten.
INTERVIEW:
MARKUS TSCHIEDERT














