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Zuletzt aktualisiert: 27.10.2011 um 20:30 UhrKommentare

Die dünnen Decken zu neuerlichem Grauen

Geboren wurde sie in Wien, als Autorin lebt sie in Kalifornien. Ruth Klüger, die am 30. Oktober ihren 80. Geburtstag feiert, kehrte für zahlreiche Würdigung in ihre Heimatstadt zurück.

E s ist ein anstrengendes, aber ehrenvolles Programm. Ruth Klüger, deren 80. Geburtstag naht, erhielt in Wien den "Danubius"-Preis, heute hält sie im Rathaus "Wiener Vorlesungen" zum Thema "Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding", am 30. Oktober, ihrem Ehrentag, wird die Dokumentation "Das Weiterleben der Ruth Klüger" bei der Viennale uraufgeführt. Aber ihr Leitsatz bleibt bestehen: "Wien ist für mich noch immer die Stadt, in der ich den Judenstern trug."

Frau Klüger, der "Danubius"-Preis von Donauland, den Sie vor wenigen Tagen im Jüdischen Museum in Wien erhalten haben, ist ein Sachbuchpreis. Ihre Bücher werden immer auch für ihre literarische Qualität gelobt. Rein fiktionale Literatur zu schreiben stand für Sie nie im Raum?

RUTH KLÜGER: Ich hab's mehrmals versucht, aber ich kann keine G'schichterln erzählen. Es ist ein ganz besonderes Talent, und je öfter ich es versuche, desto mehr bewundere ich die Romanciers und Geschichtenschreiber. Das geht nicht einfach so. Was ich kann und was ich gerne mehr schreiben würde, sind Gedichte. Am Ende meines Lebens noch Gedichte zu schreiben - das möchte ich.

In der Begründung des Danubius-Preises heißt es, es werde "das Lebenswerk einer unbestechlichen und unsentimentalen Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin" geehrt. Finden Sie sich da gut erkannt?

KLÜGER: Ich lasse mich nicht ohne Weiteres vereinnahmen von gängigen Literatururteilen. Ich nehme nicht teil an irgendwelchen Trends und Schulen, das hat auch vielleicht damit zu tun, dass ich so zwischen den Kontinenten bin. Ich denke schon, dass ich alleinstehend urteilen kann, das macht mir auch mehr Spaß.

Zu "unbestechlich und unsentimental" fällt einem nach Lektüre von "unterwegs verloren" auch "unversöhnlich und unerbittlich" ein. Sie beschreiben eine Folge von Enttäuschungen und Kränkungen und sagen: Das ist geschehen. Es gibt keine Wiedergutmachung.

KLÜGER: Es gibt vor allem keine Wiedergutmachung für Menschen, die getötet worden sind. Das geht nicht. Wir Überlebende sind nicht zuständig für Verzeihung. Was in meinen persönlichen Verhältnissen zum Ausdruck kommt, ist ein großes Ressentiment. Ich habe fast Freunde verloren deswegen, die mir das übel nehmen, Meine Antwort darauf ist: Ich halte Ressentiment für ein angebrachtes Gefühl für Unrecht, das nicht wiedergutzumachen ist. Das bezieht sich auch auf persönliche Beziehungen. Dem Ausdruck zu geben, ist auch eine Funktion von Literatur.

In der Rezeption ihrer Werke kehrt der Begriff "Holocaust-Überlebende" immer wieder. Ist diese Etikettierung unangenehm?

KLÜGER: Ich habe in der Germanistik ja so weit weg wie möglich angefangen. Ich habe mich lange mit mittelalterlicher Literatur abgegeben. Und ich habe promoviert über das barocke Epigramm. Ich habe mich so langsam herangepirscht an die moderne Literatur. Ich war schon fast 60, als ich "weiter leben" geschrieben habe, von dem ich nie erwartet hatte, dass es so einschlagen würde. Seither ist es das Wahrzeichen, unter dem ich gehandelt werde. Ich kann nicht sagen, dass ich etwas dagegen hätte, denn es hat mir auch viel gebracht. Es hat mir eine Lebensphase gebracht, die noch voller Kontakte und voller Arbeit ist zu einer Zeit, wo die meisten Leute nur noch herumsitzen und sich zum alten Eisen rechnen. Ich kann nicht darüber klagen, aber es ist nicht das, was ich in mir wahrnehme. Ich habe einmal einen Satz geschrieben, der zu meiner Freude gelegentlich zitiert wird: "Ich komm' nicht von Auschwitz her, ich stamm' aus Wien."

Es gibt dieses berühmte Brecht-Zitat: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch". . .

KLÜGER: Das mag ich gar nicht, wenn ich einen feministischen Einwand machen darf. Der ganze Faschismus ist ja vor allem eine Männer-Sache, die Frauen laufen höchstens ein bisschen mit. Die Machthaber waren alles Männer. Deswegen soll man nicht von einem Schoß sprechen. Die Metapher stört die Germanistin.

Sie weisen oft darauf hin, dass heute der größte Konflikt jener zwischen Arm und Reich ist. In Zeiten der Wirtschaftskrise gibt es eine immer größere Angst vor der künftigen politischen Entwicklung. Wie stark ist die Decke unserer Zivilisation, die verhindert, dass wieder grässliche Dinge zum Vorschein kommen?

KLÜGER: Ich glaube, die ist ganz dünn. Das war es, was mich so umgetrieben hat. Sie hält überhaupt nicht. Man hielt Mitteleuropa für eine Hochburg der Aufklärung. Das hat sich gedreht auf eine Art und Weise, wie sie mir unverständlich ist. Diese Decke war nie sehr stark, und sie ist offenbar nicht stärker geworden. Auch in Amerika fangen wir unsinnige Kriege an, wenn unsinnige Präsidenten das wollen. Ich glaube, dass man nicht voraussagen kann, was wird. Das ist meine Erfahrung: Dass die Änderungen einer Gesellschaft unvorhersagbar sind. Ich will vielleicht nicht sagen, dass ich pessimistisch bin, aber ich bin äußerst skeptisch allem gegenüber. INTERVIEW: WOLFGANG HUBER- LANG


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