Ein Puzzle mit vielen wilden Kerlen
Selbstmörderische Lemminge, ein großer Teilchenbeschleuniger und isländische Erbsensuppe: Splitter von der Frankfurter Buchmesse, die heute Abend wieder ihre Tore schließt.
W er Puzzles mag, ist heuer in Frankfurt gut aufgehoben, denn Puzzleteile finden sich überall. Auf Flyern, auf Wegweisern, auf Hinweisschildern, auf Veranstaltungskalendern: Die weltweit größte Leistungsschau des Buches macht keinen Hehl daraus, dass der Buchmarkt sich aus vielen kleinen Teilchen zusammensetzt. Und dank der technischen Möglichkeiten werden es Jahr für Jahr mehr. Als Besucher bekommt man selbst viele Puzzleteile vorgesetzt. Eine kleine Auswahl.
Buchrücken an Buchrücken. Wenn man die Hallen betritt, sieht man erst einmal Reihen um Reihen von gedruckten Büchern. Mehr als 300.000 Neuerscheinungen wurden heuer in Frankfurt präsentiert. Aber wenn man genau hinschaut, kann man an vielen Ständen elektronische Lesegeräte entdecken. Das E-Book lässt sich eben nicht gut ausstellen, präsent ist es aber allerorts. Das friedliche Nebeneinander von gedrucktem Buch und E-Book wird - so prognostizieren die Experten - die Zukunft sein. Frankfurt zeigte es überzeugend vor.
Schuhe und Pläne. Für einen Tag bei der Frankfurter Buchmesse braucht man vor allem zweierlei: gute Schuhe und einen guten Plan. Wer sich vorher informiert, wer wann wo liest, erspart sich einen Teil der Wege. Und die sind wirklich weit. Die meisten österreichischen Verlage sind in den Hallen 3.1 und 4.1 untergebracht. Auf dem Weg von der einen zur anderen Halle muss man über eine Rolltreppe, an einem Info-Schalter, zwei energischen Frauen, die die "Frankfurter Rundschau" verkaufen, einer lang gezogenen Snackbar samt ermüdeten Gästen und der 30. Kalenderschau vorbei (130 Verlage zeigen 1200 verschiedene Titel).
Gleichzeitig. Auf der Buchmesse finden täglich Dutzende Termine statt. Ein Beispiel gefällig? Freitag um 12 Uhr präsentierten sich Umberto Eco ("Der Friedhof in Prag"), Buchpreisträger Eugen Ruge ("In Zeiten des abnehmenden Lichts"), der isländische Autor Bjarni Bjarnason ("Die Rückkehr der Heiligen Jungfrau") und die österreichische Krimi-Autorin Eva Rossmann ("Unterm Messer"). Und ein Dutzend weitere Autoren.
Im Bachmann-Glück. Maja Haderlap ist gefragt. Die Bachmann-Preisträgerin hat nicht nur auf dem 3sat-Sofa Platz genommen, sondern unter anderem mit Josef Haslinger am Frankfurter Hauptbahnhof in der Connection Bar diskutiert. Der Wallstein-Verlag, der ihr Buch herausgebracht hat, feierte am Freitag daher mit einem Sektempfang nicht nur das 25-jährige Bestehen, sondern ließ sich gleichzeitig auch zur Bestsellerautorin gratulieren. Denn wie Wallstein-Lektor Thorsten Ahrend verriet: "Wir nähern uns bei den verkauften Büchern der 60.000-Stück-Marke".
Steirische Autoren. Schon Tradition hat der Ausflug steirischer Dichter nach Frankfurt, zu dem diesmal Kulturlandesrat Christian Buchmann lud. Bei der "Green Hour" am Österreichstand schaute mittags dann auch Kulturministerin Claudia Schmied auf ein Glas Weißwein vorbei. Kärntens Politiker dagegen weichen der Frankfurter Buchmesse weiterhin weiträumig aus.
Nichtlustig. Wie schnell sich das Publikumsinteresse drehen kann, zeigt das Beispiel des Frankfurter Zeichners Joscha Sauer, der noch 2001 unbekannt auf der Messe mit dem Zeichenblock seine Runden drehte. 2000 hatte er mit der Internetseite www.nichtlustig.de gestartet, wo der damals 22-Jährige Cartoons gratis ins Netz stellte. Selbstmörderische Lemminge und Yetis zählen zu seinen beliebten Figuren. Jetzt hat Sauer mit seinen makaber-absurden Gestalten zwei Millionen Bände verkauft, und ausgewählte Fans durften sich auf der Buchmesse, die sein neues Buch "Feng Shuizid" präsentiert, über ein Autogramm plus Zeichnung freuen.
Cern. Etwas ruhiger als bei den literarischen Verlagen geht es in Halle 4.2 zu, wo sich die wissenschaftlichen Verlage präsentieren. Am wohl aufsehenerregendsten gelingt das der österreichischen Edition Lammerhuber. Wenn man deren Stand betritt, befindet man sich plötzlich im Kontrollzentrum des größten Teilchenbeschleunigers der Welt, dem "Large Hadron Colliders" (LHC) im Forschungszentrum Cern bei Genf. Vier Computermonitore zeigen den aktuellen Status des LHC, und zwar in Echtzeit. Grund für den Aufwand: die Präsentation des Bildbandes "Large Hadron Collider", für den der Fotograf Peter Ginter den Aufbau des LHC mit Fotos begleitet hat. Die Texte dazu lieferte übrigens Franzobel.
Wilde Kerle. Großes Interesse herrscht traditionell auch am Kinder- und Jugendbuch. Bilderbuchautor Maurice Sendak, dessen "Wilde Kerle" in so manchem Kinderzimmer das Regiment führen, gab im ARD-Forum die Entstehung seiner Figuren und Texte preis: "Sie begegnen mir in der Phase zwischen Schlaf und Aufwachen und sind oft so eigenwillig, dass sie selbst ihre Geschichte diktieren und sich nicht von mir bestimmen lassen"
Gastland 2011. Das Gastland Island ist nicht nur mit vielen Neuerscheinungen und stimmigen Fotos und Videos von Lesern präsent, sondern auch kulinarisch. Wen der Hunger plagt, dem kann mit Isländischer Erbsensuppe, Lachssalat und Heilbutt in Senf-Käse-Soße geholfen werden.
Gastland 2012. Auch das nächstjährige Gastland Neuseeland stellt sich bereits unter anderem mit einer Pressekonferenz und Flyern vor. "Neuseeland ist für uns als Leser Terra incognita - und was ist schöner als eine Entdeckungsreise ins Unbekannte", meinte Buchmessen-Chef Juergen Boos. Die erste Herausforderung ist schon das Motto, das auf Maori lautet: "He meomoea he ohorere". Übersetzung gefällig? "Bevor es bei euch hell wird."














