Ein Löwe als treuer Begleiter
Sibylle Lewitscharoffs Roman "Blumenberg" könnte auf der am Mittwoch beginnenden Frankfurter Buchmesse den Deutschen Buchpreis ergattern.
Ich will dem betonartigen Realismus entfliehen", hatte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff kürzlich erklärt und gleichzeitig eingeräumt, dass ihr neuer Roman sehr wohl eine Huldigung des bedeutenden Philosophen Hans Blumenberg (1920 bis 1996) sei. Um es vorwegzunehmen: Wer eine dem realen Alltag abgelauschte Romanhandlung favorisiert, sollte die Finger von diesem höchst anstrengenden, aber dennoch enorm reizvollen Gedankenspiel lassen.
Die aktuelle Kleist-Preisträgerin, mit ihrem jetzigen Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, hat sich auf ein großes Wagnis eingelassen, denn die reale Figur des Philosophen Hans Blumenberg liegt wie ein tonnenschwerer Schatten über dem Roman. Eine Biografie hat die 57-jährige Autorin nicht im Sinn gehabt, wenngleich ihr Protagonist unübersehbare Ähnlichkeiten mit dem einstigen Münsteraner Philosophieprofessor aufweist. Bei Lewitscharoff geht es um die Innenwelt eines großen Denkers, der irgendwo zwischen Erkenntnis, Wirklichkeit, Fantasie und Irrationalität auf eine gewaltige Probe gestellt wird.
Blumenberg sitzt eines Nachts an seinem Schreibtisch und spricht in sein Diktiergerät, als er plötzlich einen Löwen im Raum erblickt. Das schon etwas träge Tier wird zu seinem ständigen Begleiter, bleibt aber für andere Menschen unsichtbar.
Auf einer zweiten, etwas näher an der Realität orientierten Erzählebene begegnen wir dem Professor in seinem universitären Umfeld. Dort tummeln sich vier Studenten, die ihn mehr oder weniger anhimmeln. Sie verbindet ein unsichtbares Schicksalsband: Alle vier sterben sehr jung und auf spektakuläre Weise.
"Ein Erzähler hat aber die Pflicht, auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen", lässt uns Lewitscharoff mit einem Augenzwinkern wissen. Doch nicht alle humoristischen Brechungen sind in diesem Roman gelungen. Am Ende ist auch Blumenberg tot, liegt an einem Löwen gelehnt im Kreis der toten Studenten - ein Bild von großer Harmonie. Der Protagonist findet so eine adäquate, symbolträchtige Ruhestätte, und die ausgefransten Erzählebenen sind auch kunstvoll wieder zusammengefügt worden.















