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Zuletzt aktualisiert: 06.10.2011 um 20:30 UhrKommentare

Der unbekannte Dauerfavorit

Mit einem relativ schmalen Werk hat sich der Schwede Tomas Tranströmer als Sprachkünstler etabliert. Dafür gab es nun den Nobelpreis.

Marcel Reich-Ranicki gesteht: "Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist. " Der Präsident des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels meint: "Es ist nicht der große Wurf." Immer wieder tauchte gestern in den Meldungen das Wort "Überraschung" auf. Warum eigentlich?

Wie gestern auf unseren Thema-Seiten zu erfahren, war Tomas Tranströmer hinter dem syrisch-libanesischen Poeten Adonis die Nummer 2 bei den Buchmachern. Und seit Jahren fiel der Name des Schweden, wenn es wieder Zeit für die üblichen Literaturnobelpreis-Verdächtigen war. Überraschung? Nie gehört?

Sei's drum. Der 80-jährige wird damit kein Problem haben. Er hat keinen Grund zur Klage, er sei als Dichter nicht wahrgenommen worden. Schon 1966 sprach man ihm den Bellmann-Preis zu, 1981 erhielt er den Petrarca-Preis, 1991 den Nordic Prize. Um nur drei der wichtigsten Auszeichnungen für ein Werk zu nennen, das gänzlich ungeschwätzig der Sprache verpflichtet ist. Literaturkritiker Heinrich Detering: "Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges."

Als 23-Jähriger ließ der studierte Psychologe und Assistent an der Stockholmer Universität mit seinem Debüt "17 dikter" ("17 Gedichte") aufhorchen. Danach in regelmäßigen Abständen immer wieder. Mit Lyrik, die stärker und stärker vom Prinzip des Weglassens, des Verdichtens geprägt war. Dass den Dichter, der mit seinen Büchern in Schweden Auflagen bis zu 30.000 Stück erreichte, bald die Kunstform des Haiku faszinierte, verwundert also nicht.

1990 erlitt Tranströmer einen Schlaganfall, seit dem der Autor schwer sprechbehindert ist. Auch gestern stand ihm deshalb bei einer improvisierten Pressekonferenz in der Stockholmer Wohnung seine Frau Monica Bladh-Tranströmer zur Seite. Er sei "sehr froh" und er habe gehofft, dass der Preis an einen Lyriker geht: "Adonis hätte ihn bestimmt verdient."

Unter jenen, welche die Preisvergabe an Tranströmer gestern begrüßten, befanden sich auch Friederike Mayröcker, Raoul Schrott und Michael Stavaric: "Wunderbar, dass ein Dichter, nämlich einer, dessen Sprache im wahrsten Sinne des Wortes ,verdichtet' ist, den Preis erhält."

Kurz vor der Bekanntgabe des Preisträgers 2011 verwirrte gestern die Meldung, dieser heiße Dobrica osi die Öffentlichkeit. Der bald 90-jährige serbische Dichter und 1992 erster Präsident von Rest-Jugoslawien, war Opfer eines Internet-Scherzes geworden.

Radio-Tipp: "Die Erinnerungen sehen mich - Ein Besuch bei Tomas Tranströmer" Ö 1, 10.Oktober, 21 Uhr.

WALTER TITZ

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