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Zuletzt aktualisiert: 16.09.2011 um 21:31 UhrKommentare

Der Stoff, aus dem die Mythen sind

Die geheimen Interviews der Jackie Kennedy: Nach einem halben Jahrhundert sorgen die Gespräche, die Historiker Arthur M. Schlesinger mit Amerikas First Lady führte, für Zündstoff.

Die Kennedys im August 1962

Foto © APADie Kennedys im August 1962

Die Kennedys fütterten Biographen tonnenweise mit Tragik. Kilometerlang sind die Regalwände mit Büchern über US-Präsident JFK und seine Frau Jackie. Doch Originalzitate von einer wesentlichen Zeitzeugin hatte man bis jetzt kaum darunter gefunden: von Jackie selbst. Die "New York Times" schrieb 1994 nach Jackies Tod: "Ihr Schweigen über die Vergangenheit, besonders über die Kennedy-Jahre und die Ehe mit dem Präsidenten, hatte immer etwas Geheimnisvolles."

Daher ist das jetzt erschienene Interview-Buch: "Jacqueline Kennedy. Gespräche über ein Leben mit John F. Kennedy" tatsächlich eine Sensation. Denn die berühmteste First Lady gab nach den Todesschüssen von Dallas nur drei Interviews. Das achteinhalbstündige Gespräch das sie mit Arthur M. Schlesinger, den Pulitzerpreisträger, Historiker in Harvard und Präsidenten-Berater, nur wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes führte, ist darunter der Diamant. Trotzdem blieb das zeitgeschichtliche Dokument fast ein halbes Jahrhundert unter Verschluss. Diese Oral History schlummerte im Tresor der Kennedy Library in Boston, weil Jackies Tochter Caroline mit der Veröffentlichung gezögert. 50 Jahre nach der Wahl ihres Vaters zum Präsidenten schien ihr der passende Zeitpunkt, schreibt die 53-Jährige, die als Anwältin in New York lebt, im Vorwort.

US-Geschichte

Die Gespräche lassen die amerikanische Geschichte der 50er- und 60er-Jahre in einem neuen Licht erscheinen, auch wenn Oral History nie die ganze Geschichte ist. Vieles überrascht, auch Jackie selbst, die mit ihren Starqualitäten ein politischer Pluspunkt des Präsidenten war, und in ihrer noblen Art zu sprechen oder sich zu kleiden Vorbild für Millionen Amerikanerinnen war. Noch am letzten Morgen seines Lebens witzelte JFK in einer Rede bei Fort Worth: "Was Lyndon B. Johnson und ich tragen, interessiert wieder einmal niemanden."

Jackie Noblesse ist aber dahin, wenn sie im Interview über die Ikonen des 20. Jahrhunderts herzieht. Indira Gandhi war für Amerikas First Lady "eine echte Pute", Frankreichs General de Gaulle ein "Egomane".

Nikita Chruschtschow attestierte sie beim Gipfeltreffen in Wien "grobschlächtigen Humor". Chruschtschows Frau hingegen mochte Jackie sehr, deren "Tochter, die mit in Wien war, hasste ich. Sie sah aus wie eine blonde KZ-Aufseherin." Den einstigen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt nannte sie einen "Blender", Lyndon B. Johnson sogar "gefährlich". Von Deutschlands Kanzler Konrad Adenauer und dem ganzen "Berlin-Trara" hatte JFK laut Jackie längst "die Nase gestrichen voll." In diesem Kontext klingt Kennedys legendärer Satz "Ick bin ein Berliner" doch etwas hohl.

Kritik an ihrem Mann sucht man in den Interviews vergebens. Die junge Witwe beförderte das Image vom blitzgescheiten, humorvollen Helden und baute am Mythos Kennedy weiter. Dabei war es ausgerechnet John F. Kennedy, der sagte: "Der größte Feind der Wahrheit ist nicht die Lüge, sondern der Mythos."

MANUELA SWOBODA

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