Wenn Nerven und Herzen blank liegen
Die Uraufführung von Thomas Vinterbergs "Die Kommune" erwies sich als echter Glücksfall. Eine boulevardeske Oberfläche mit tiefen sozialen Wurzeln.
Gleich der erste Song definiert die Zeit: "Rikki Don't Loose That Number" von Steely Dan datiert aus dem Jahr 1974. Die Gründer- und Experimentalepoche von Kommunen ist also längst vorbei, keiner muss mehr nackt herumrennen und die Devise: ,Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment' hat ihre Bannstrahlschärfe verloren.
Es ist die Zeit der entspannten Libertins, der selbstbewussten neuen Weiber, der sabbernden Softies und ersten Ökos. Eine Art Bullerbü der postrevolutionären Kinder. Diesfalls in Dänemark, allwo der Autor und Regisseur Thomas Vinterberg ("Das Fest") in einer ebensolchen Gruppe aufgewachsen ist.
Diffuses Geschenk
Erek (Joachim Meyerhoff) hat ein geräumiges Haus geerbt. Zu groß, als es mit seiner langjährigen Gefährtin Anna (Regina Fritsch) und der gemeinsamen Tochter Freja (Elisa Plüss) allein behausen zu wollen. Also werden Mitbewohner gecastet.
Und alsbald sind die erotophile Esoterikerin Mona (Dorothee Hartinger), der verzauselte Dichter Ole (Tilo Nest), die patente Gynäkologin Ditte (Alexandra Henkel) und ihr sanfter Fischhändlergemahl Steffen (Dietmar König) sowie der Job-Hopper Virgil (Fabian Krüger) einquartiert. Die Mieten sind vage ausgehandelt aber auf diffuse Art hat Erek das Haus der Gemeinschaft ohnedies geschenkt. Man macht es sich gemütlich. Und lacht viel.
Von ein paar Kleinigkeiten abgesehen lebt es sich gut in der Kommune. Oles Neigung, alles schlampig am Boden Liegende unverzüglich zu verbrennen wird ärgerlich akzeptiert, ebenso Monas akustische Entäußerung beim Vögeln als naturgegebenes Hintergrundgeräusch einer kollektiven Lebensform.
Bambi kommt
Aber das alternative Idyll bekommt Fadenrisse. Etwa wenn Erek plötzlich den Hausbesitzer hervorkehrt, wenn er sich einem Mehrheitsentscheid nicht beugen will. Paradigmatisch zeigt Vinterberg, woran schon viele Kommunen, die Kibbuzim und letztlich auch der Kommunismus gescheitert sind: Wünsche der Mehrheit werden vom Einzelnen fast immer als Diktat empfunden, das die individuelle Entfaltung fesselt und knebelt.
Und dann kommt Emma (Adina Vetter). Erek hat sie aufgegabelt, ein Bambi aus dem Villenviertel, sehr schön und vor allem jung genug, um dem Kommunenpatron in Mark und Sein zu fahren.
Anna wird damit nicht fertig, Freja schon gar nicht: Zu oft schon wurde ihr in diesem Käfig voller Narren die Anwaltschaft der Vernunft aufgebürdet. Und hier kommt Vinterbergs zweite Lehre: Eine Ménage à trois in dieser Konstellation gelingt selten. Auch außerhalb von Kommunen.
Kollektiver Jubel
Dieser Abend ist ein Glücksfall des Theaters. Der oberflächlich besehen harmlose Text eignet sich zu einer Vivisektion des menschlichen Verhaltens. Die Verletzungen, Liebesversuche, Aggressionen liegen offen, Herzen und Nerven manchmal blank.
Regisseur Vinterbergs verlangt seinen Protagonisten keine Texttreue ab, sehr bald gewinnt jeder Einzelne ein extrem klares Profil, streckenweise vergisst man total, dass hinter den Bühnenfiguren Schauspieler stecken. Und jeder von ihnen macht seine Sache so gut, dass man ihnen nur kollektive zujubeln konnte.
Die Kommune Publikum tat dies an diesem Abend einmütig und ausdauernd.















