Großer Fleiß hat seinen Preis
Mit "Du bleibst bei mir", der Uraufführung eines neuen Stückes von Felix Mitterer, eröffnete das Wiener Volkstheater die Saison.
Das Leben selbst hat diese Geschichte geschrieben: Die Wiener Star-Schauspielerin Dorothea Neff versteckt ihre jüdische Geliebte Lilli Wolff zwischen 1941 und Kriegsende in ihrer Wohnung. Die beiden leben unter der ständigen Bedrohung des Entdecktwerdens.
Nach dem Krieg geht Wolff in die USA, Neff trauert um sie. Später verliert sie ihr Augenlicht, unterrichtet privat und gibt am Volkstheater eine legendäre blinde Mutter Courage.
1979 adelt die israelische Yad Vashem Dorothea Neff als "Gerechte unter den Völkern". 1986 stirbt sie in Wien. Lilli Wolff ist ihr nie mehr wieder begegnet.
Was für eine Story! Felix Mitterer hat im Auftrag des Volkstheaters eine Bühnenfassung geschrieben, Freitagabend wurde sie ebenda uraufgeführt, Andrea Eckert spielt die Neff, bei der sie als junges Mädchen Schauspielunterricht genommen hat.
Verzettelt
Felix Mitterer ist eine Schreibmaschine: An die fünf Dutzend Bühnenstücke und Drehbücher entflossen bisher seiner Feder: Darunter Juwelen wie "Sibirien", "Der Panther", "Die Piefkesaga" und zahllose Tatorte.
Des Fleißes Preis ist, das manche Produkte dürftig blieben und bleiben. "Du bleibst bei mir" ist ohne Zweifel eines davon. Das Stück ist spannungsarm, weitgehend humorfrei, der Text flach, bisweilen sogar platt.
Freilich: Ein einfallsreicher Regisseur hätte einiges daraus machen können. Michael Sturminger vertat diese Chance: Er inszeniert brav vom Blatt, verzettelt sich, wo er beschleunigen sollte, und brachte es, zumindest bei der Uraufführung, auf fast 160 Minuten reine Spielzeit.
Einmal blitzt eine Idee dessen auf, was hätte sein können: Man sieht Lilli und Freundin in Amerika, die längst verlassene Neff thront über der Szene und am Schluss schickt sie die beiden als durchgefallene Vorsprechkandidatinnen weg. Ein schöner Kunstgriff, deren man sich mehrere erwartet hätte.
Lichtblicke bietet Inge Maux, die als erpresserische, systemkonforme Hausmeisterin eine Art Frau Karl sein darf. Auch die subtilen Improvisationen der beiden Livemusiker Gerald Preinfalk und Florian Fennes zählen zu den Pluspunkten.
Unterfordert
Erstmals seit ihrem Langzeiterfolg als Maria Callas steht Andra Eckert wieder auf der VT-Bühne. Ihr Comeback changiert zwischen Augenblicken von Outrage und Momenten großer Sensibilität, die auch der VT-Debütantin Martina Stilp geschuldet sind. Wiewohl Letztere von der Regie deutlich unterfordert wird.
Die letzten zwanzig Minuten könnte man restlos streichen, sie reichen nicht aus, die blinde Neff und den historischen Bruch des Brechtboykotts ausreichend zu würdigen und verlängern einen zu langen Abend unnötig. Dennoch gabe es herzlichen Applaus für das ganze Team.















