Der Pilger mit Apotheke
Ein frommer Pilger wird er wohl nicht mehr: Thomas Glavinic hat es aber versucht. Mit einer gottesfürchtigen Schar reiste der Autor per Bus ins bosnische Medjugorje, wo seit einer angeblichen Erscheinung der Gospa (Gottesmutter) 1981 der Wallfahrtsbetrieb boomt, obwohl die vatikanische Anerkennung fehlt.
Mit scharfem Blick und sardonischem Humor aber nicht zynisch beobachtet er die frommen Schäflein, die mangels irdischer Erfahrungen mehr auf die Liebe im Jenseits setzen. Dabei fällt der schöne Satz: "Manchmal will man sein Leid nicht loslassen aus Angst, dass man dann gar nichts mehr hat."
Doch verliert er zusehends die Nerven, zumal sich auch der mitreisende Fotograf Ingo Pertramer wie eine Zicke aufführt. Die beiden flüchten nach Split, wo ein Abend in Mafiakreisen der ganzen Geschichte einen fast surrealistischen Drall gibt.
Insgesamt hat Thomas Glavinic wieder diesen lakonischen Grundton gefunden, den man so sehr an ihm schätzt. Seine dauernden Befindlichkeitsangaben ("Mir platzt fast der Schädel") und seine penibel dokumentierte Apotheke (Xanor, Parkemed etc.) nervt. Vielleicht sollte er wenigstens einen Sponsorvertrag mit Pfizer und Co. eingehen.
FRIDO HÜTTER














