Altarbild aus drei Kulturen
Michael Glawoggers "Whores' Glory. Ein Hurenfilm" erlebt bei den Filmfestspielen in Venedig seine Weltpremiere. In Österreichs Kinos läuft er ab 9. September.
H err Glawogger, was war die Initialzündung für Ihr neues Filmprojekt?
MICHAEL GLAWOGGER: Mein Film "Megacities". Da war der meistdiskutierte Teil der Auftritt der Tänzerin Cassandra, einer Halbprostituierten. Das zeigte, dass im Umfeld von käuflichem Sex und Sexualität, die zur Schau gestellt wird, mehr steckt. Das ist nicht irgendeine Ware. Verkauft man etwas derart Intimes, kann es nicht bloß um Geld gehen.
Das Thema wurde schon in anderen Filmen angeschnitten.
GLAWOGGER: Ja, aber eben nur angeschnitten. Ich wollte mitten hineingehen und versuchen, mich freizuhalten von übertriebener Faszination, übertriebener Verdammung und übertriebener Opferdarstellung der Frauen.
Sie haben in Bangkok und La Zona im mexikanischen Reynosa gedreht und in Faridpur, der "Stadt der Freude" in Bangladesch.
GLAWOGGER: Bei den bisherigen Dokumentarfilmen lud ich Fotografen aus dem jeweiligen Land ein. Bei "Workingman's Death" traf ich einen Fotografen aus Bangladesch. Er hat mir von Faridpur erzählt, aber gleichzeitig erklärt, es sei ganz unmöglich, dort zu fotografieren oder gar zu filmen. Der Zufall war unser Weggefährte. 2006 - die Fundamentalisten wollten Faridpur gewaltsam räumen - mischten wir uns mit einer Kamera unter die Menge, die Bilder erschienen in einer großen Zeitung und unsere Sympathien waren klar zu erkennen. Das öffnete Türen. Wir erhielten am Ende eine Dreherlaubnis.
Daraus wurde ein Triptychon?
GLAWOGGER: Ein Altarbild aus drei Kulturen, drei Religionen, drei sozialen Schichten. Faridpur ist hochinteressant als Matriarchat, als Gegenentwurf.
Was ist sonst der große Unterschied?
GLAWOGGER: Das Selbstverständnis. Ich habe "Whores' Glory" vor einem Monat den mexikanischen Frauen gezeigt, bei denen ich drehte, weil ich diesen Teil als härtesten empfunden hatte. Die Mexikanerinnen waren jedoch anderer Meinung. Die empfanden Bangkok ganz schlimm, weil die Frauen dort hinter Glas sind. "Wir danken Gott, dass es bei uns nicht so ist", sagten sie.
Und Ihre Meinung?
GLAWOGGER: Für mich lief es in Bangkok am beiläufigsten, businessartig. Dort kratzte die Frauen ihre Betätigung am wenigsten. Bangladesch war ganz anders. Die jungen Moslems haben keine Gelegenheit, Sex auszuleben - außer durch einen Schritt in dieses Matriarchat in Faridpur. Und Mexiko? Katholische Härte mit sehr viel Herz.
Hat Ihr Film eine Botschaft?
GLAWOGGER: Ich glaube, dass Filme, die eine "message" vor sich hertragen, meist schlechte Kunst sind. Um etwas über die Welt zu sagen, soll man die Kamera beobachten lassen. Vor einem "Und die Moral von der Geschichte" muss man sich hüten.
In Ihren bisherigen Dokumentationen haben Sie hin und wieder inszeniert. Auch diesmal?
GLAWOGGER: In Faridpur leben 600 bis 800 Frauen. Da kann man sich morgens noch so viel vornehmen, am Abend wird dann vieles nicht funktionieren. Die Frauen haben uns gezwungen, ihren Rhythmus anzunehmen. Man konnte höchstens auf gewisse Gesprächsthemen hinlenken.
Aber in Mexiko folgen Sie einem Freier in die Behausung einer Prostituierten?
GLAWOGGER: Das geht natürlich nur mit Zustimmung der Beteiligten. Das kann man ohne Deal nicht drehen.
War Bakschisch auch in Bangkok und Bangladesch im Spiel?
GLAWOGGER: In der Welt der Prostitution gibt es nichts umsonst, von niemandem. Deshalb ist der Film auch relativ teuer geworden.
Wie viel Wahrheit vermitteln Sie mit "Whores' Glory"?
GLAWOGGER: Es ist mir klar, dass sich die Frauen beim Erzählen auch in Lügengeschichten verstrickten. Die einzige Möglichkeit für uns war, es als Wahrheit zu nehmen. Bilder, Gesten, Sätze ergeben am Ende ein Ganzes.
Was folgt?
GLAWOGGER: Wieder eine Doku. Motto "Untitled - Der Film ohne Namen". Ich möchte mich von der Geiselhaft eines Themas befreien, in die Welt fahren, Dinge filmen, die mir begegnen. Außerdem möchte ich, nach "Nacktschnecken" und "Contact High", meine Komödien-Trilogie zu "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll beenden. Rock 'n' Roll steht noch aus. INTERVIEW: LUIGI HEINRICH















