Ein Konzert kann keinen Krieg stoppen
Am Samstag spielte er wieder in Salzburg, heute, Sonntag, erscheint eine neue CD mit Lang Lang. Ein Gespräch mit dem chinesischen Weltklassepianisten

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Er sagt: "Wir müssen versuchen, klassische Musik ganz frisch darzustellen, so, als ob sie gerade entsteht." Lang Lang hält sich seit jeher daran. Der chinesische Weltklassepianist tritt heute mit den Wiener Philharmonikern (Dirigent: Mariss Jansons) im Großen Festspielhaus auf, u. a. mit dem Klavierkonzert Nr. 1 von Franz Liszt. Rechtzeitig kommt morgen seine aktuelle CD heraus: "Liszt - My Piano Hero".
Was Franz Liszt betrifft, gibt es die berühmte Geschichte: Im zarten Kindesalter sahen Sie einen Tom & Jerry-Film, in dem der Kater Tom Liszts Ungarische Rhapsodie Nummer zwei spielte. Das erweckte in Ihnen den Wunsch, auch einmal so toll spielen zu können wie der Kater, stimmt das?
LANG LANG: Ja, die Geschichte stimmt. Ich habe diese Tom & Jerry-Folge auf DVD zu Hause und spiele sie mir immer wieder vor, weil sie einfach genial ist.
Und seither ist Franz Liszt Ihr "Piano Hero"?
LANG LANG: Er ist es vor allem in diesem Jahr, in dem wir seinen 200. Geburtstag feiern. Ich bewundere sein umfassendes Gefühl für Kunst, seine Dynamik als Komponist, sein Wissen um das Klavier. Ohne ihn hätte sich dieses wunderbare Instrument nicht so schnell entwickelt. Er war ein Pionier. Es macht mir unheimlichen Spaß, seine Musik zu spielen.
Und was gefällt Ihnen an anderen Komponisten besonders gut?
LANG LANG: Brahms zeigt Muskeln und tiefe Gefühle. An Beethoven bewundere ich sein kompaktes Gefühl für Strukturen. Mozart ist reine Freude und Schönheit.
War Franz Liszt ein Popstar?
LANG LANG: Er zählte zu jenen, die zu ihrer Zeit die neueste Musik machten. In diesem Sinne war er ein Popstar.
Sind Sie, mit Ihrer unkonventionellen Art nicht auch einer?
LANG LANG: Ich liebe Popmusik, aber ich spiele natürlich beruflich etwas Anderes, etwas, das tiefer geht. Grundsätzlich aber gibt es für mich nur zwei Arten von Musik. Gute und schlechte.
Kann Musik, Kunst wirklich die Welt verändern?
LANG LANG: Ja und nein. Früher hatte ich oft das Gefühl, sie kann es, und die Welt würde dadurch schöner und besser werden. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Wenn ich mich umschaue, sehe ich, dass die Welt nach wie vor schlimm ist, dass nach wie vor gekämpft wird, dass es Kriege gibt. Kann sein, dass wir Kleinigkeiten verändern können. Musik ist vielleicht eine Brücke. Doch eine Brücke ist nicht genug.
Sie kennen ja Daniel Barenboims Arbeit?
LANG LANG: Ja, und er sagt dasselbe. Musik ist eine Brücke, aber die Welt verändern kann sie nicht. Noch nie wurde mit einem Konzert ein Krieg gestoppt. Derlei zu glauben, ist nur ein frommer Wunsch.
Arbeiten Sie gerne mit Mariss Jansons?
LANG LANG: Absolut. Er ist nicht nur ein guter Freund, ich bewundere auch die Tiefe, mit der er Musik macht. Einerseits ist er ein absolut Intellektueller, andererseits ein ungemein warmherziger Mensch.
So fantastisch Ihre Karriere verlaufen ist, so wenig fantastisch war Ihre Kindheit. In Ihren Memoiren erfährt man Trauriges über die Brutalität, die Wutanfälle Ihres Vaters, über seine Empfehlungen, Gift zu nehmen oder vom Dach zu springen - wenn Sie für ihn beim Klavierspielen nicht gut genug waren. Setzt sich so was nicht in der Seele fest?
LANG LANG: Ja, ich habe diese leidvollen Erfahrungen nicht so schnell losgekriegt. Aber heute ist das vorbei. Mein Vater hat sich geändert. Er tut niemandem mehr weh. Unglaublich, wie freundlich er heute ist. Eines muss ich ihm generell zugutehalten: Auch in den schlimmen, früheren Zeiten hat er an mich und mein Talent geglaubt. Und es ist immer schön, wenn jemand an einen glaubt.
Was wäre Ihnen, wenn Sie an die Zukunft denken, eine besondere Freude?
LANG LANG: Wenn ich in 20, 30 Jahren durch die Straßen von New York oder durch die Straßen in anderen Städten gehe und die meisten Leute, denen ich begegne, wissen, wer Tschaikowsky, Beethoven, Mozart war - ja, das wäre eine ganz besondere Freude für mich.
Was machen Sie, wenn Sie ausspannen?
LANG LANG: Hier in Salzburg etwa habe ich mir "Die Sache Makropulos" angeschaut, ich kannte bisher keine Oper von Janaek, war sehr neugierig. Ansonsten genieße ich gerne die Sonne, liebe Eiscreme und ein schönes Dinner, schaue mir gerne Filme an. Ein tolles Date ist natürlich auch was Schönes.
Haben Sie ein Lieblingsrestaurant?
LANG LANG: Das Restaurant Mama. Meine Mutter macht die besten Knödel.
Welcher Film hat Ihnen in letzter Zeit besonders gefallen?
LANG LANG: "Kung Fu Panda 2". Und mich selbst werden Sie bald auch in einem Film sehen. "Flying Machine", eine Familienproduktion mit Animationsteilen, zeigt, wie ich mit einem Klavier im Flugzeug durch Europa reise und Musik von Chopin spiele.
Features
Zur Person
Lang Lang, geboren am 14. Juni 1982 in Shenyang.
Klavierwettbewerbe gewann er mit fünf Jahren.
Musikstudium ab dem neunten Lebensjahr bei Zhao Ping-Guo in Peking.
Durchbruch 1999 beim Ravinia Festival.
Auftritte in fast allen großen Städten der Welt.














