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Zuletzt aktualisiert: 19.08.2011 um 20:30 UhrKommentare

"Stille ist ja auch Musik"

Bernarda Fink, eine der großen Mezzosopranistinnen unserer Zeit, über ihre Wahlheimat Kärnten, Trancezustände und das Singen am Herd. Am Mittwoch gastiert sie im Liaunig-Museum.

"Es ist wichtig, schön voneinander zu denken" - Bernarda Fink (55), Diplomatengattin mit argentinisch-slowenischen Wurzeln

Foto © APA/Herbert Pfarrhofer"Es ist wichtig, schön voneinander zu denken" - Bernarda Fink (55), Diplomatengattin mit argentinisch-slowenischen Wurzeln

Sie haben als Argentinierin mit slowenischen Wurzeln in Kärnten eine neue Heimat gefunden. Schmerzt es Sie, dass dieser Tage ausgerechnet im Heimatort Ihres Mannes Valentin Inzko keine zweisprachige Ortstafel aufgestellt wird?

BERNARDA FINK: Es schmerzt, aber für mich ist Suetschach/Svee nicht weniger slowenisch ohne zweisprachige Ortstafel. Eine Ortstafel sagt nur offen, was wirklich ist. Und es ist nun einmal Realität, dass hier seit Jahrhunderten Menschen mit slowenischer Muttersprache leben.

Heißt das, dass Sie mit der Ortstafellösung leben können?

FINK: Ich bin glücklich über jede Ortstafel, die aufgestellt wird. Aber ich weiß, dass der Kompromiss nicht gerecht und nicht konsequent ist. Maria Elend, der schöne Wallfahrts- und Nachbarort mit etwas über 11 Prozent Slowenenanteil, bekommt eine Ortstafel und wir freuen uns darüber. Suetschach mit knapp 16 Prozent aber keine. Ich kann das nicht verstehen. Ich habe mir eine konsequentere Umsetzung des Staatsvertrags gewünscht, wo zehn Prozent als Kriterium gelten. Es gibt noch zirka 100 Orte, die keine zweisprachige Ortstafel bekommen.

Erklärt das auch die gespaltene Haltung Ihres Mannes, der ja den Kompromiss mitverhandelt hat?

FINK: Lösungsversuche sind in der Vergangenheit zweimal gescheitert. Mein Mann hat sich anfänglich sehr für gerechtere Bedingungen eingesetzt, wollte aber nicht als Spielverderber dastehen und hat der Regelung zugestimmt. Als er aber draufkam, dass das Ergebnis bereits von vornherein feststand, hat er sich einfach eine Geste der Wertschätzung gewünscht, ein symbolisches Entgegenkommen im Sinne der eigenen Würde. Das ist ihm leider verwehrt worden. Auch sind viele Experten der Meinung, dass sich das neue Volksgruppengesetz vom unterschriebenen Memorandum zu weit entfernt hat.

Ungeachtet dessen sind viele Kärntner Slowenen mit dem Verhandlungsergebnis zufrieden.

FINK: Es war zweifellos ein richtiger Schritt, dass man überhaupt über das Thema reden wollte. 91 Jahre nach der Volksabstimmung und 56 lange Jahre nach dem Staatsvertrag war das ja nicht möglich. Das zeigt nur, dass es hier Eiter gab, eine Wunde, die schmerzt. Die zweisprachigen Ortstafeln sind Teil der Heilung.

Als Kind von Tito-Flüchtlingen haben Sie wohl auch in der eigenen Familie Wunden gepflegt. Hat Ihnen die Musik dabei geholfen?

FINK: "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!", heißt es in Schuberts Lied "An Mignon". Jeder hat irgendwo sein Trauma. Beim Singen kann man seine Schmerzen herausschreien, da mache ich meine Seele auf. Singen bringt aber auch und immer mehr Freude und vertreibt schlechte Laune. Insofern ist es manchmal auch Therapie.

Singen Sie eigentlich jeden Tag?

FINK: Nein. Oft viele Tage gar nicht. Nur nach einer gewissen Zeit brauch' ich es aber. Jetzt habe ich zum Beispiel wochenlang nicht gesungen und habe plötzlich im Auto damit angefangen. Meine Kinder haben mich ganz schön schief angeschaut. Ich mag Leute, die im Alltag singen. Meine Mutter in Buenos Aires hat zum Beispiel oft am Herd slowenische Lieder gesungen. Das passiert mir leider viel zu selten. Ich mag aber auch die Stille. Zuhause kann ich es tagelang ohne Radio und CD aushalten. Die Stille ist ja auch Musik. Bei Harnoncourt habe ich gelernt, dass lebendige Pausen ein ganz wichtiger Teil der Musik sind.

Harnoncourt hat die Musik auch als "Nabelschnur zu Gott" bezeichnet. Teilen Sie diese Erfahrung?

FINK : Ja. Es gibt Momente, wo man zu schweben beginnt. Das kommt manchmal ganz überraschend.

Bei welcher Art von Musik?

FINK: Ganz unterschiedlich. Das kann mir bei Monteverdi passieren, aber auch bei Mozart, Schubert oder Dvoak. Das ist mir schon beim "Stabat Mater" von Szymanowski passiert, oder bei Bach. Es kommen da oft unglaubliche Momente zustande durch diese genialen Kompositionen. Da ist dieser "touch" Gottes, den man nicht erklären kann. Man fragt sich: Wie hat Mozart nur die Noten so zusammenstellen können, dass einem der Schauer über den Rücken läuft?

Ihre vor drei Jahren erschienene Schubert-CD wurde vom Kritiker der "ZEIT" als "Gesangs-CD des Jahres" bezeichnet. Gleichzeitig sind Sie gefeierte Interpretin im barocken Fach. Bei welcher Musik schlägt Ihr Herz höher?

FINK: Ich habe da keine Präferenz. Momentan bin ich eher bei der Romantik zu Hause. Bei Dvoak oder Schumann. Als nächstes nehme ich übrigens eine CD mit spanischer Musik auf: De Falla, Rodrigo, Granados etc.

Spanische Musik steht auch auf dem Programm Ihres bevorstehenden Konzertes im Liaunig-Museum. Macht es für Sie einen großen Unterschied, ob Sie bei den Salzburger Festspielen oder in Neuhaus/Suha zu singen?

FINK: Natürlich ist es eine Ehre mit den Berliner Philharmonikern die "Zweite" von Mahler singen zu dürfen oder - wie jetzt im Dezember - gemeinsam mit Nikolaus Harnoncourt aufzutreten. Das ist purer Genuss, ja der Himmel. Aber manchmal bringt es mehr Freude in Maria Elend zu singen oder wie am kommenden Mittwoch in Begleitung von Janez Gregori im herrlichen Ambiente des Liaunig-Museums.

Was wünschen Sie sich für Ihre Wahlheimat?

FINK: Dass wir künftig offener aufeinander zugehen und Ängste abbauen. Man hat oft Angst vor den eigenen inneren Phantomen. Auch das, was man nicht kennt, ängstigt uns. Bevor ich nach Sarajevo kam, hatte ich Berührungsängste gegenüber Muslimen. Das hat sich geändert, als ich die Leute kennenlernte. Wir versuchen dauernd Unterschiede zu schaffen und sind doch nur geteilt durch das Gute und Böse in uns selbst. Ich glaube es ist wichtig, schön voneinander zu denken und nicht Teil der Katastrophen zu werden, die rund um uns sind.

Und das gelingt Ihnen auch?

FINK: Manchmal nur tröpfchenweise. In der Homöopathie ist das schon ziemlich viel. Ein kleiner Tropfen kann Wunder wirken.

ERWIN HIRTENFELDER

Zur Person

Bernarda Fink, geb. am 29.8. 1955 in Buenos Aires, feiert seit mehr als 20 Jahren als Mezzosopranistin internationale Erfolge.

Zahlreiche CDs, u.a. mit Grammy ausgezeichnet.

Ist verheiratet mit dem Diplomaten Valentin Inzko und Mutter zweier Kinder. Spricht sieben Sprachen.

Am 24.8, 20.30 Uhr, gibt sie mit Gitarrist Janez Gregori einen Liederabend im Liaunig-Museum in Neuhaus/Suha. Infos: 04356/211 15.

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