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Zuletzt aktualisiert: 09.08.2011 um 22:36 UhrKommentare

Roman "Schoßgebete": Diesmal geht es in die Tiefe

Werbung und Vorabkritiken ließen einen abermaligen Sexaufreger erwarten. Doch in ihrem zweiten Buch geht Charlotte Roche mit sich und uns zur Psychotherapie.

Foto © AP

Die Erwartungshaltung erscheint schier unerfüllbar: Ihr enthemmt versextes und teils geschmacksunsicheres Debüt "Feuchtgebiete" von 2008 verkaufte sich bis dato zwei Millionen Mal und sorgte wochenlang für eine erregte Debatte über gebrochene Tabus und - nicht neue, aber - geschickt gesetzte Provokation. Mit "Schoßgebete" erscheint am Mittwoch Charlotte Roches zweiter Roman. Ob die Verkaufsrekorde, die ihr der Erstling beschert hat, von der gebürtigen Engländerin übertroffen werden können, bleibt abzuwarten. Klar ins Visier genommen haben die Hürde sowohl Verlag (die Erstauflage beträgt 500.000 Stück) als auch die Autorin selbst: Mit "Schoßgebete" gelang ihr ein äußerst intimes Werk, das thematisch mit den "Feuchtgebieten" überhaupt nichts zu tun hat.

Die Geschichte erzählt von drei Tagen aus dem Leben der 33-jährigen Elizabeth, wohnhaft in einer deutschen Großstadt. Auch wenn sie ihren Mann Georg (50) und Tochter Liza abgöttisch liebt, so ist sie doch gefangen in einem "scheiß komplizierten Patch-workleben" zwischen Ex-Freund, Ex-Frau sowie Stiefsohn, ihren Neurosen sonder Zahl und einer schier unstillbaren Sehnsucht nach dem Freitod. Davon abhalten können sie nur Liza und ihre Therapeutin, die seit Jahren zu ihrem Leben dazugehört wie für andere ein regelmäßiger Wirtshausbesuch. Das "kaputte Scheidungskind" Elizabeth zerreißt sich in ihren in Hochglanzmagazinen vorexerzierten Rollen als Vorzeige-Mutter und perfekte Bio-Hausfrau ohne Glutamat. Die sexuelle Aufopferung für ihren Mann ist zwar häufig auch für sie befriedigend, geht aber so weit, dass sie Georg nicht nur ins Bordell begleitet, sondern ihn dorthin auch alleine ziehen lässt.

Teils autobiografisch

So weit zur Rahmenhandlung, gehalten in Roches lockerer Umgangssprache, ohne Anspruch auf hohe poetische Qualität. Bemerkenswert ist die schonungslose Offenheit, mit der sie teils über sich selbst schreibt. Charlotte Elisabeth Roche ist nicht nur gleich alt wie Elizabeth, sie teilen auch das kaputte Elternhaus, die Patchworkfamilie und die Psychologin, welche der Schriftstellerin von dem Buch abgeraten hat. Als Therapie ist "Schoßgebete" jedoch nicht zu verstehen. "Die schlimmsten privaten Probleme, die in diesem Buch stecken, sind überwunden", sagte sie dem "Spiegel". Anders wäre es für sie auch nicht möglich gewesen, jenen Schicksalsschlag ihrer Protagonistin umzuhängen, der ihr selbst 2001 widerfahren ist: Am Tag ihrer geplanten Hochzeit sterben drei von Roches Brüdern bei einem Verkehrsunfall.

Das Unglück steht im Zentrum des Romans und das Martyrium vom ersten Anruf bis zu den Folgeschäden des "unheilbaren Traumas" schildert sie in unverkrampfter, bedrückender und berührender Art. Zum Hass auf die Eltern kommen ständige Verlustängste um Tochter und Mann, die sie mit Überfürsorge überkompensiert und der sie nicht gewachsen ist. Eine überzeichnete persönliche Aufarbeitung ist Elizabeths Hass auf die deutsche Zeitung mit vier Buchstaben: Diese "Boulevard-Schweine" wollten sie, so Roche, vor Jahren mit einem Foto der Unfallstelle ihrer Brüder erpressen.

Eingestreuter Sex

"Schoßgebete" ist eine eindrucksvolle, mit nur wenigen Längen ausgestattete Geschichte einer leidgeprüften Frau von heute. In ihrer Sehnsucht danach, von allen geliebt zu werden, sitzt ständig die Versagensangst im Nacken. Roche selbst sagt, sie wäre ohne ihre Therapeutin heute nicht mehr am Leben.

Wer sich von dem Roman aber explizite Sexszenen erhofft, wird diesmal wohl nur ungenügend befriedigt: Die Wortwahl bleibt zwar durchgehend deftig, eine 15-seitige Oralverkehrsszene zu Beginn liest sich jedoch nüchtern wie eine Bedienungsanleitung und allein wegen sechs hocherotischer Seiten über den Puffbesuch lohnt der Kauf nicht.

CHRISTOPH STEINER

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