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Zuletzt aktualisiert: 09.08.2011 um 21:17 UhrKommentare

"Beethoven hat sich nie beschwert"

Vladimir Ashkenazy, einer der großen Pianisten und Dirigenten unserer Zeit, beehrt am Sonntag den Carinthischen Sommer.

Foto © KK

Als Wahlschweizer haben Sie die Bezahlung Ihres carinthisches Konzertes hoffentlich in Franken vereinbart und nicht in schwächelnden Euro...

VLADIMIR ASHKENAZY: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Was immer mit dem European Union Youth Orchestra vereinbart wurde, ich bin ja nur sein Musikdirektor, wird ok sein. In puncto Geld bin ich ziemlich anspruchslos.

Rührt das von Ihrer eher bescheidenen Kindheit her?

ASHKENZY: Durchaus. Meine Eltern und ich lebten bis zu meinem 14. Lebensjahr in einem acht Quadratmeter großen Raum in Moskau. Darin stand ein Klavier, mein Vater war ein sehr populärer Pianist, sowie je ein Bett für mich und meine Eltern. Wir hatten kein Bad und teilten die Toilette mit einem Dutzend anderer Leute. Es war fantastisch. Wann immer sich die Verhältnisse in meinem Leben verbessert haben, war ich dankbar dafür. Aber ich brauchte eigentlich nur das Klavier, um glücklich zu sein.

Als Solo-Pianist haben Sie sich zuletzt eher rargemacht. Warum?

ASHKENAZY: Zu Hause spiele ich jeden Tag Klavier und trete öffentlich auch gemeinsam mit meinem Sohn Vovka auf. Vorrang hat jetzt aber das Dirigieren.

Sie wurden erst kürzlich 74 Jahre alt und haben angeblich das Handicap, ziemlich kleine Hände zu besitzen. Bringt das Alter zusätzliche Einschränkungen für die Fingerfertigkeiten eines Pianisten?

ASHKENAZY: Also, ich spiele immer noch sehr schwierige Stücke. Erst vor Kurzem habe ich eine neue Rachmaninow-CD eingespielt, mit der ersten Klaviersonate und den Chopin-Variationen. Die sind furchtbar schwierig. Ich werde Ihnen das Urteil überlassen.

Reykjavik oder Luzern verdanken Ihrer Initiative neue Konzerthäuser. Können Sie uns verraten, wie man heutzutage solche Kulturprojekte auf die Beine bringt?

ASHKENAZY: Ich hatte vor bald 30 Jahren mit dem Philharmonia Orchestra ein Gastspiel in Island, der Heimat meiner Frau. Wir spielten in einer Sporthalle und es klang furchtbar. Daraufhin hat das Orchester für eine Konzerthalle in Reykjavik ein Benefizkonzert organisiert. Das war in London. Prinz Charles und Diana waren auch dabei. Im Mai letzten Jahres haben wir das neue Konzerthaus schließlich eingeweiht, mit Beethovens "Neunter".

Eigentlich hätte sich auch London selbst ein erstklassiges Konzerthaus verdient.

ASHKENAZY: Ja. Leider gibt es dort keines von höchster akustischer Qualität. An die Royal Festival Hall haben wir uns zwar gewöhnt, aber sie ist inferior im Vergleich zu anderen Sälen in der Welt. Und auch im Barbican Centre ist der Sound nicht gerade großartig. Dasselbe gilt für die riesige Royal Albert Hall. Bei aller Bewunderung für die Engländer, ein First-Class-Konzerthaus haben sie leider keines.

Im Congress Center Villach, ebenfalls kein akustisches Aushängeschild, werden Sie u.a. Mahlers "Erste" interpretieren. Was bedeutet Ihnen Mahlers Musik?

ASHKENAZY: Mahler war zweifellos ein Genie. Aber seine Musik handelt immer von sich selbst. Ich bevorzuge eher Leute, die nicht viel Aufhebens um ihre Person machen. Mein Lieblingskomponist ist Beethoven. Es ist die Haltung dieses Mannes gegenüber seinem Leben und der Kunst, die mich sehr berührt. Denken Sie nur daran: Er war die letzten zwölf Jahre seines Lebens taub und schrieb dennoch einige der größten Kompositionen, ohne Tragik und Anklage: die Missa Solemnis, die 9. Symphonie oder die Klaviersonate op. 109. Es liegt darin ein Friede, eine Erhebung der Seele, die unübertroffen ist. Beethoven war taub und hat sich nie beschwert. Ich kenne Leute, die beschweren sich, wenn sie sich am Arm kratzen müssen.

Warum dirigieren Sie in Villach eigentlich nicht Beethoven?

ASHKENAZY: Wenn man mich das nächste Mal darum bittet, werde ich das gerne tun.

ERWIN HIRTENFELDER

FAKTEN

Vladimir Ashkenazy, geb. 1937 in Gorki, gewann als Pianist u.a. den Tschaikowsky-Wettbewerb.

Nach seiner Emigration nahm er die Staatsbürgerschaft seiner isländischen Frau an und widmete sich zunehmend dem Dirigieren. Lebt heute in der Schweiz.

Chef des European Union Youth Orchestra, mit dem er am 14. August mit Werken von Mahler, Satie und Milhaud im Congress Center Villach gastiert.

Info/Karten: Tel. 04243/2510

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