"Mechanismen der Verhetzung sind geblieben"
Nach "Vaterspiel" und "Opernball" erscheint in der kommenden Woche Josef Haslingers neuer Roman "Jachymov". Es geht um die wahre Geschichte eines tschechischen Eishockeystars, der von den Kommunisten ins Arbeitslager gesteckt wurde.

Foto © www.lanskroun.eu | Petr CelýBohumil Modry - Vorlage für den Roman "Jachymov"
Hauptfigur in "Jachymov", dem in der kommenden Woche erscheinenden neuen Roman des österreichischen Autors Josef Haslinger, ist ein Eishockeytorhüter namens Bohumil Modry. Modry hat wirklich gelebt, er wurde zweimal mit der tschechischen Nationalmannschaft Weltmeister. Auch Jachymov ist keine Erfindung. In der Stadt im Erzgebirge gibt es das älteste Radiumsol-Heilbad der Welt, aber auch ein Bergwerk, in dem Modry als Häftling mit bloßen Händen Uran abbauen musste. "Was Bohumil Modry betrifft, ist alles Vorfindung", erklärt Haslinger im APA-Interview. "Ich habe mich bemüht, alles so darzustellen, wie ich es in Erfahrung bringen konnte."
Erbitterte Verfolgung von vermeintlichen Gegnern des kommunistischen Regimes, Arbeitslager und Todesqualen - was von Haslinger ("Opernball", "Vaterspiel" u.a.) in seinem neuen Buch geschildert wird, ist in Österreich so gut wie unbekannt, trotz der geografischen Nähe und der geschichtlichen Verbundenheit mit dem Nachbarn. "Es hat uns schlichtweg nicht interessiert, was drüben passiert ist. Der Eiserne Vorhang hat eine Tabuzone markiert", meint der Autor, der selbst im Waldviertel quasi in Schussweite von der Grenze entfernt aufgewachsen ist. "Mit Besuchern, die von weiter her kamen, hat man Ausflüge zum Eisernen Vorhang unternommen, ihnen die Wachtürme gezeigt und geflüstert: Schau, da steht ein Posten..."
Auf Modrys Lebensgeschichte wurde Haslinger durch dessen Tochter, die Schauspielerin Blanka Modra, aufmerksam. Sie spielte 1988 in der politischen Revue "Karfreitag, 1. Mai" ein an den legendären SP-Parteitagsauftritt der Marlene Charell erinnerndes Showgirl. In den Jahren danach traf man einander immer wieder, das Schicksal ihres 1963 an den Folgen der Verstrahlung verstorbenen Vaters war dabei ein wiederkehrendes Thema. "Ich habe es kaum glauben können und mir immer wieder gedacht: Warum weiß man von alledem nichts?"
Diese Geschichte habe ihn nie losgelassen, doch erst nach vielen Jahren habe er einen literarischen Zugriff darauf gefunden, erzählt der Autor: Wie in Wirklichkeit erfolge auch im Buch die Annäherung an diese tragische Lebensgeschichte über Modrys Tochter, ihre Figur habe er allerdings fiktionalisiert. Sie ist nun eine Tänzerin, die in Jachymov einem Wiener Verleger begegnet, der im Heilbad Linderung seiner Rückgraterkrankung erhofft - ein langsamer, körperlicher Zerfall, wie ihn auch der verstrahlte Ex-Sportler an sich erleben musste.
Haslinger hat seinen Roman aus verschiedensten Schichten konstruiert, die nach einem raffinierten Abbauplan alle aufgeschlossen werden. Eine davon ist die Geschichte des tschechischen Eishockeys. Haslinger hat für sein Buch nicht nur zwei Jahre lang historische Studien betrieben, Quellen studiert und Schauplätze erforscht, er hat sich auch auf Eishockeyplätzen gründlich umgesehen. "Um diesen Sport zu studieren, bin ich regelmäßig zu den Spielen der Vienna Capitals gegangen. Ich habe immer zwei Karten gekauft und geschaut, wer mitkommen will. Dabei habe ich ein bisschen Feuer gefangen. Am Anfang ist einem als Zuschauer das Spiel zu schnell und man bekommt kaum etwas mit. Aber mit der Zeit bekommt man einen Blick dafür. Dadurch wird es auch interessanter und spannender."
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