Der Fußtritt für eine Leiche
Mit "Kátja Kabanová" eröffnete die Wiener Staatsoper einen Janáek-Zyklus. Der mit einhelligem, aber kurzem Beifall bedachte Auftakt ließ einige Wünsche offen.

Foto © APA Verbotene Liebe führt zum tödlichen Drama: Kátja Kabanová (Janice Watson) und Boris (Klaus Florian Vogt)
Seinem Faible für seine Landsleute huldigte Staatsoperndirektor Dominique Meyer auch bei der letzten Premiere seiner ersten Saison. Mit Leo Janáeks "Kátja Kabanová" feierte André Engel sein Debüt im Haus am Ring, ein 65-jähriger französischer Vertreter der Regie-Mode, jedes Stück unbedingt aktualisieren zu müssen.
Im Verein mit Nicky Rieti, dessen New Yorker Skyline wie billigste Pappendeckel-Dekoration aussieht, verlegt er die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Wolga-Städtchen Kalinoff spielende Handlung ins New Yorker Russenviertel Little Odessa der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Dass damals in diesem Getto die alten Wertvorstellungen hochgehalten wurden, mag schon sein, entzieht sich aber hierzulande so sehr dem allgemeinen Wissensstand, dass der Transfer, der natürlich außerdem mit dem Text kollidiert, nicht zu einem tieferen Verständnis beiträgt.
Präzise Personenführung
Sieht man davon und von dem in fast allen sechs Bildern den musikalischen Naturschilderungen widersprechenden Ambiente ab, bleibt eine Regie übrig, die mit sehr präziser Personenführung die Figuren und deren Beziehung zueinander prägnant charakterisiert. Besonders stark profiliert Engel die beiden Tyrannen der alten Generation, den brutalen Dikoj, der sich von der Kabanicha züchtigen lässt und ihr dafür die Füße küsst, und die Kabanicha, die am Ende ihrer toten Schwiegertochter den Ehering vom Finger zieht und die Leiche dann mit einem verächtlichen Fußtritt umdreht.
Wolfgang Bankl verleiht dem Dikoj auch stimmlich bedrohliches Format, während Deborah Polaski die Kabanicha durch ihre Bühnenpräsenz stärker konturiert als durch ihre ziemlich abgesungene Stimme. Janice Watson bleibt in der Titelrolle vokal und darstellerisch so blass, dass ihr tragisches Schicksal kaum berührt. Stephanie Houtzeel hingegen entzückt als muntere Varvara, und mit Marian Talaba als Muttersöhnchen Tichon, Klaus Florian Vogt als lyrischem Liebhaber Boris und Norbert Ernst als agilem Kudrjá sind die drei Tenorrollen sehr exakt besetzt.
Philologische Sorgfalt
Obwohl er zulässt, dass mit der Einspielung von Gewittergeräuschen der Partitur das Misstrauen ausgesprochen wird und dass der im Finale stumm auftretende Betrunkene ein "Lalala" trällert, das Janáek nicht komponiert hat, befleißigt sich Franz Welser-Möst großer philologischer Sorgfalt. Er dirigiert eine Version, die auf alle nachträglich eingefügten Abschwächungen und Behübschungen verzichtet.
Mit dem Staatsopernorchester fördert er den Farbenreichtum dieser Partitur differenziert zutage. Ihre Gefühlshitze, ihre glühende, bohrende Eindringlichkeit und die Unausweichlichkeit dieser Schicksalsmusik vermag er aber nicht auszuloten. Trotz oft überbordender Lautstärke und drängender Tempi fehlen seiner Darstellung aufwühlende Emotionalität und die Unerbittlichkeit des Katastrophensogs.
Features
Fakten
"Kátja Kabanová" von Leo Janáek.
Aufführungen in der Wiener Staatsoper: 20. (20 Uhr), 23. (19.30 Uhr), 27. und 30. Juni, 19 bis 21.40 Uhr.
Karten: Tel. (01) 513 1 513.
www.wiener-staatsoper.at















